Ein Freund von mir

D 2006

[R: Sebastian Schipper; D: Daniel Brühl, Jürgen Vogel, Sabine Timoteo; Warner]

23.04.2007, 06:00, Text: Lina Dinkla

Auch in seinem zweiten Film (nach “Absolute Giganten”) nimmt sich Schipper eine richtig kernige Jungsgeschichte vor. In dieser Variante dreht sich alles um zwei Typen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Karl ist die Rationalität in Person. Ein strebsamer, vorbildlicher Mitarbeiter eines Versicherungskonzerns, dessen Tage aus Aufstehen, Arbeiten, Schlafen bestehen. Ansonsten kann er recht wenig mit seiner Zeit anfangen. Hans auf der anderen Seite ist ein Bilderbuchchaot. Als Gelegenheitsjobber und Vollzeitphilosoph hat er vielmehr das Problem, dass er vor lauter ungebremster Lebenslust nicht weiß, wohin mit seiner Energie.


Die beiden begegnen sich zufällig beim Jobben in einer Autovermietung; Karl ist dort eher unfreiwillig, sein Chef hat ihn mit seiner nachgiebigen, verschlossenen Art dazu verdonnert, undercover das mögliche Schadenspotenzial an zukünftig zu versichernden Fahrzeugen zu ermitteln. Es vergeht keine Minute, in der Hans mit seiner hibbelig mitteilungsbedürftigen Art nicht mehr oder weniger interessante Lebensbeobachtungen und -weisheiten von sich gibt, und man kann fast meinen, dass er Karl völlig unverfroren anbaggert. Wenngleich Karl zunächst nicht weiß, wie mit diesem Ausbund an Unbeschwertheit umzugehen ist, dämmert ihm schon peu à peu, dass das Leben durchaus was mit Spaß und Freude zu tun hat. Und dann trifft er Stelle, Hans’ “Königin”, und spürt wahrscheinlich zum ersten Mal, dass es im Dasein auf die Dinge ankommt, für die es sich zu kämpfen lohnt und die vor allem eine Entscheidung fordern.
Diese Freundschaft wird in ähnlich ästhetisch brillanten, ergreifend melancholischen Bildern eingefangen, wie es Schipper schon in “Absolute Giganten” gelungen ist. Und neben der Fokussierung auf eine Beziehung zwischen männlichen Figuren greift er auch auf andere stimmige Elemente des Vorgängers zurück. Auswahl und Einsatz von Musik und Ton spielen eine ganz wesentliche Rolle und lassen die tragikomische Bedeutung dieser Begegnung erst richtig sehnsüchtig spürbar werden.
Doch leider konzentrierte man sich zu sehr darauf, eine schicke Optik zu entwerfen, dass darüber nicht mitbekommen wurde, dass die Bilder nun jenen glatten Perfektionismus ausstrahlen, der jedes Atmen vermissen lässt. Vieles in der Zeichnung der Charaktere bleibt dadurch reine Behauptung. Jürgen Vogels exaltiertes Overacting nervt dazu noch kapital. Das ist sehr schade, denn einige Dialoge sind wirklich hübsch auf den Punkt gebracht, und die Momente, in denen man meint, Vogel und Brühl statt Hans und Karl beim Kabbeln zuzuschauen, lassen vermuten, welch unprätentiöse Tonart Schipper eigentlich anstimmen wollte.



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