
Thumbsucker
USA 2005
[R: Mike Mills; D: Lou Taylor Pucci, Tilda Swinton, Vincent D’Onofrio; Splendid / WVG Medien]
26.03.2007, 06:00, Text:
Oliver Minck
Die amerikanische Vorstadt eignet sich aufgrund ihrer Gesichtslosigkeit hervorragend für Familienkomödien jeglicher emotionaler Färbung. Sie ist ein Ort ohne besondere Eigenschaften, der es einem Filmemacher ermöglicht, sich ganz auf die Entwicklung seiner Protagonisten und deren Beziehungskonstellationen zu konzentrieren. Ein hermetischer und doch universeller Ort, der überall verstanden wird.
Auch der erste Spielfilm des Werbe- und Videoclip-Regisseurs Mike Mills spielt in der Vorstadt. Eine heile Welt ohne großes Konfliktpotenzial, könnte man meinen. Eine Welt, die Mills zudem in weiches Licht taucht und der er dank ruhiger Schnitte eine fast schon belanglose Betulichkeit verleiht. Und doch: Während sich jugendliche Hauptfiguren in anderen Filmen und härteren Milieus etwa in Highschool-Bandenkriegen wiederfinden, hat der 17-jährige Justin in “Thumbsucker” ein relativ kleines Problem, das für ihn und besonders für seine Mitmenschen jedoch riesengroß erscheint: Er lutscht noch immer am Daumen. Der Daumen spendet Sicherheit und Trost in einer Welt, die Justin wenig Halt zu bieten scheint. Denn je genauer man hinschaut, desto klarer wird: Irgendwie hat hier jeder ein Identitätsproblem. Sein Vater Mike hadert mit einer verpfuschten Sportlerkarriere und flüchtet sich in übertriebenes Männlichkeitsgebaren. Mutter Audrey treibt die Existenzkrise in die Verehrung eines eigentlich hochgradig drogenabhängigen TV-Stars. Und Justins New-Age-Kieferorthopäde und selbst erkorener Psychotherapeut (wunderbar überzeichnet dargestellt von Keanu Reeves) schießt den Vogel ab, indem er ständig neue Identitäten für sich selbst erfindet und seinen Patienten mit hanebüchenen Ratschlägen immer mehr durcheinander bringt. Per Hypnose will er Justin das Daumenlutschen endgültig verleiden. Als der Daumen nicht mehr schmeckt und Justin daraufhin komplett zusammenbricht, empfiehlt sein Schuldirektor die Einnahme von Ritalin, einem Medikament, das sich nur unwesentlich von Kokain unterscheidet. Von nun an nimmt der Handlungsverlauf schier fantastische Züge an: Denn das Medikament schlägt tatsächlich an und macht Justin zum Superstar seiner Schule. Doch nach und nach kommen auch die Nebenwirkungen ans Licht.“Thumbsucker” ist ein kleiner Film mit einem großen Thema: Was ist richtig und was falsch, wenn doch für manche das Falsche genau das Richtige zu sein scheint.
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