
Für immer und dich – Ein Abend in Erinnerung an Rio Reiser
D 2006
[R: Elser Maxwell; D: Nikel Pallat, Funky K. Götzner, Jörg Schlotterer; Salzgeber]
26.03.2007, 06:00, Text:
Frank Schuster
Wer Sprachrohr ist, spricht nicht immer freiwillig. Rio Reiser und Ton Steine Scherben wurden und werden oft vereinnahmt – von links, von rechts, von der Mitte. Von Zu-Wort-Meldern, die zu wissen glauben, was Rio und TSS wem wann womit zu sagen haben. Jüngstes Beispiel: Die “saubillig”-Werbekampagne von Media Markt, die für Empörung unter Fans sorgte. Peter Möbius, Reisers Bruder und Erbe, verteidigt in einer Stellungnahme: “Rios satirischer Song, in dem ein Anarchist zum Monarchisten, zum König von Deutschland mutiert, wurde schon mehrfach zu seinen Lebzeiten verballhornt und umgedichtet, für PSD (sic!) und Fußball und für noch vieles andere mehr. Er sollte, wie Rio meinte, ein ‘Gassenhauer’ werden, der in aller Munde ist.” Reisers Ex-Mitmusiker, die Ton Steine Scherben Family, ließen indes einen kurzen Trickfilm anfertigen, der von einer gewissen “Sau Billig” handelt, die gegen das “Schweinesystem” ankämpft – während die Family dazu “Das ist unser Sound!” skandiert. Dieser Cartoon findet sich nun auch auf der DVD-Fassung von “Für immer und dich – Ein Abend in Erinnerung an Rio Reiser”.
Der Film von Elser Maxwell (Mitglied des Scherben-Kollektivs, heute Manager der Family), der im vergangenen Jahr in den Kinos lief, ist eine untypische Rock-Doku. In 80 Minuten ist kein einziger Ton Musik zu hören, und der, um den es geht, ist marginal auf eingeblendeten Fotos und wenigen Super-8-Aufnahmen zu sehen. Die Dokumentation umgeht jedwede Heldenverehrung und nostalgische Rückschau. Sie ist Oral History im besten Sinne: Es kommen Menschen zu Wort, die Rio musikalisch und privat begleitet haben, und geben ein lebhaft erinnertes, nachdenklich stimmendes, facettenreiches Porträt. Die Off-Stimme, die in Filmbiografien die Handlung nach vorne treibt, übernehmen gewissermaßen TSS-Bassist Kai Sichtermann und der Popkritiker Hollow Skai, die auf Stühlen sitzend aus ihren Büchern (“Keine Macht für niemand” und “Das alles und noch viel mehr”) lesen. Der Film wirkt dadurch statisch, ist aber gleichzeitig eine willkommene Abwechslung inmitten all der schnell, oft auch beliebig (zusammen-) geschnittenen Rock-Dokus. Kein oberflächliches Fast Food, sondern satte Kost, die auch den Gedanken Nahrung gibt. Es werden Themen verhandelt wie Politrock, Gewalt (gegen Sachen/Menschen), Homosexualität, Finanznöte und die ewigen Vereinnahmungs-Versuche. Ein Leben zwischen Sprachrohr-sein-Sollen und “Ich will ich sein”-Wollen.
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