Michael Glawogger / Slumming

At Home he’s a Tourist

26.03.2007, 06:00, Text: arno raffeiner

Zwei Flaschen Rum waren doch zu viel für Kallmann. Nach einem wahrhaft komatösen Rausch erwacht der Straßenpoet nicht etwa auf jener Bank vor dem Wiener Westbahnhof, auf der er umgekippt war, sondern in einem Gewirr fremder Sprachen und Zeichen, vor dem Bahnhof im tschechischen Städtchen Znaim. Wie er da hingekommen ist, das wissen nur Sebastian und Alex, zwei gelangweilte Privatiers Ende zwanzig, die ihre leeren Leben damit zu füllen versuchen, andere Menschen zu manipulieren. Sebastian (sehr überzeugend, will heißen: extrem unsympathisch dargestellt von August Diehl) zieht täglich durch Wiener Cafés, um junge Frauen zu treffen, die er bei einer Online-Kontaktbörse kennengelernt hat.

Er steuert seine Limousine stets laut Navigationssystem durch die Wiener Straßen – und hat doch keine Ahnung, wohin er soll mit sich selbst.
Die Figur des tödlich gelangweilten Aristokraten, der aus purer Ödnis, aus Lust, Sadismus etc. seine Mitmenschen quält, steht natürlich schon längst im Museumsschrank des Kulturpessimismus. Doch der österreichische Filmemacher Michael Glawogger, bekannt v. a. durch seine Dokumentarfilme “Workingman’s Death” und “Megacities”, vollzieht in “Slumming” eine bemerkenswerte Umkehrung. Sein Sebastian ist ein Kotzbrocken – allerdings ein geradezu lächerlich harmloser. Über Idiotenstreiche auf Kindergartenniveau kommt er nicht hinaus: Bei seinen Rendezvous guckt er den Frauen via Handykamera heimlich unter den Rock, sperrt die Türen türkischer Teestuben von außen zu und wirft die Schlüssel in den Gulli, ja, er kommt noch nicht mal von selbst auf die primitive Idee, Salz in den Zuckerstreuer zu füllen. Durch einen seiner Dummejungenstreiche, eben die Entführung des besoffenen Kallmann nach Znaim, läutert er schließlich sogar, wenn auch unbeabsichtigt, einen Menschen. Aufgerüttelt durch das Erweckungserlebnis vor dem geschrumpften Bahnhof, hört Kallmann mit dem Saufen auf, findet bald danach sogar eine Arbeit. Michael Glawogger: “Der Film stellt moralische Kategorien in Frage, indem er sagt, dass aus einer bösen Tat absolut etwas Gutes erwachsen kann, dass richtige Entscheidungen oft aus den falschen Gründen getroffen werden. Es ist in unserer Welt eben nicht so ganz klar, was gut und was böse ist. Die Verstrickungen und schicksalhaften Verknüpfungen sind komplizierter, als man denken möchte.”
Hat laut Glawogger also der Sozialvoyeurismus von gelangweilten Reichen, eben das “Slumming” von Typen wie Sebastian, derzeit eher Konjunktur als eine Rebellion von unten, wie Hans Weingartner sie in “Die fetten Jahre sind vorbei” zeigte? “Ich will’s einfacher fassen: Ich glaube, dass das im Moment eine mögliche Geschichte ist, dass man sie erzählen kann, weil sie stattfinden könnte. Natürlich erzählt sie auch etwas über den Stand der Welt, aber ich bin vielleicht nicht so romantisch wie Hans Weingartner. Ich halte Leute wie Sebastian für fähig, mit 19 Globalisierungsgegner gewesen zu sein, dann ist es ihm langweilig geworden, und er hat sich damit beschäftigt, mit anderer Leute Leben zu spielen.”
Dass die Praxis des Slumming gerade für einen realitätsnah oder eben dokumentarisch arbeitenden Filmemacher wie Glawogger Vorbedingung für seine Stoffsuche ist, gibt der Regisseur im Interview gerne zu: “Im Grunde bin ich bei meiner Arbeit als Dokumentarfilmer ständig mit solchen Dingen konfrontiert. Ich habe über Jahre Wien auf diese Art und Weise für verschiedene Filme und Themen durchforstet, und wir sind immer in Lokalen gesessen, wo wir nicht hingehört haben. Wie ich arbeiten muss, um Dokumentarfilme machen zu können, hat sehr viel damit zu tun, was Sebastian in ‘Slumming’ macht. Du bist immer jemand, der in eine Welt eindringt, in die er von vornherein nicht gehen würde. Teilweise fasziniert mich das auch an dem, was ich mache.”
Ist “Slumming” trotz seines unangenehmen Protagonisten Sebastian also ein Plädoyer für den Tourismus im eigenen Leben? “Ein Tourist im eigenen Land geht ja nicht davon aus, dass ihm die eigene Umgebung zu 100 % bekannt ist. Also, wenn man so formulieren will, dass Sebastian ein Tourist in seinem Leben ist, weil es ihm nicht so bekannt ist, dann würde ich das unterschreiben.”



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