
Das wahre Leben
D/CH 2006
[R: Alain Gsponer; D: Katja Riemann, Ulrich Noethen, Hannah Herzsprung; 08.03.]
28.02.2007, 13:38, Text:
Susanne Schmetkamp
Alles Leben sei Chemie, lautet der erste Satz des Films, aus dem Munde des pubertierenden Linus. Klingt erst mal nach durchgekauter Philosophie, entwickelt sich aber zum witzigen roten Faden: Linus bastelt kleine Bomben und sprengt Briefkästen und Gartenstatuen der Nachbarn in die Luft – Ventil, um der eigenen familiären Enge zu entkommen. Vater Roland, plötzlich arbeitslos, werkelt zu Hause herum und versucht, endlich mal seine eigene Familie kennenzulernen. Mutter Sybille verausgabt sich für ihre Kunstgalerie und sonst im Fitness-Studio. Linus’ Bruder Charles macht beim Bund erste homosexuelle Erfahrungen. Eine Seelenverwandte sieht Linus allenfalls in der Nachbarstochter, einer aufmüpfigen Teenagerin, Selbstzerstörerin und außerdem begabte Malerin, in die er sich unsterblich verliebt.
Der Schweizer Jungregisseur Alain Gsponer, Jahrgang 1976, hat eine dicht erzählte Tragikomödie mit nonchalantem und subtilem Humor geschaffen. Vor allem in der Besetzung hat er Gespür bewiesen, wenngleich der Name Katja Riemann als eine der Hauptdarstellerinnen erst einmal Schlimmstes erwarten lässt. Aber mitnichten, Riemann schlägt sich hervorragend. Daneben grandios: Hannah Herzsprung, die zu Recht als die Neuentdeckung des deutschen Films gefeiert wird. Herzsprung spielt mit magischer Energie und knüpft an ihre Leistung an, die sie schon im Gefängnisdrama “Vier Minuten” bewiesen hat. Die Quintessenz von Linus am Ende lautet übrigens: Nichts ist Chemie, alles ist Chaos. Schönes Chaos.
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