Kevin Macdonald / Der letzte König von Schottland

The Monster of Power

[USA 2006]

27.02.2007, 17:40, Text: Martin Riemann

In der an durchgedrehten Diktatoren nicht eben armen Geschichtsschreibung gibt es ein besonderes Kuriositätenkabinett, das allein der Biografie afrikanischer Staatsmänner gewidmet ist. Nirgendwo sonst, so scheint es wenigstens, sind die Auswirkungen des Totalitarismus so holzschnittartig bis grotesk nachvollziehbar wie in einigen Staaten Afrikas. Neben so fabelhaft größenwahnsinnigen Führern wie Jean-Bédel Bokassa und Mobuto Sese Seko sticht als besonders schillernde Figur der ehemalige ugandische Machthaber Idi Amin hervor. Den Titel “König von Schottland” hat er sich tatsächlich selbst verliehen. Filmisch ist er kein unbeschriebenes Blatt, allerdings konzentrierte sich “The Rise And Fall Of Idi Amin” eher auf sensationalistische Aspekte seiner Persönlichkeit wie Promiskuität, Folter und Kannibalismus.



Diese Positionen werden von Kevin Macdonald weitestgehend ausgespart, wenn man von einer Leichenschändung und einer sehr extremen Folterszene einmal absieht. Stattdessen versucht der Film eher das Phänomen Macht zu beleuchten, die sich hier wie eine Droge in das Leben der beiden Protagonisten schleicht. Dafür wählt Macdonald die Perspektive einer fiktiven Figur: Garrigan. Der junge schottische Arzt flieht aus der erdrückend bürgerlichen Atmosphäre seiner Heimat und gerät bei einem Aufenthalt in Uganda in den Dunstkreis des Diktators. Durch die Augen des rebellischen Abenteurers erscheint Amin zunächst überhaupt nicht monströs, sondern eher als willkommene Antwort auf die Arroganz des britischen Kolonialismus. Und die Anerkennung beruht auf Gegenseitigkeit, denn als Garrigan Amin bei einem Autoanfall tapfer zu Hilfe eilt, ernennt ihn dieser kurzerhand zu seinem Leibarzt und Berater. Garrigan kann dem Reiz, den mächtigsten Mann Ugandas zu beeinflussen, nicht lange widerstehen und verschließt zunächst die Augen vor den fragwürdigen Methoden seines Arbeitgebers. Doch als er beginnt, sich für das Verschwinden verschiedener Minister zu interessieren, und ein Verhältnis mit einer von Amins vielen Ehefrauen eingeht, lernt er die Schattenseiten des charismatischen Diktators kennen.
Obwohl der moralische Untergang Garrigans eindeutig das Hauptthema des Films ist, ist es Forest Whitakers Interpretation Amins, die “The Last King Of Scotland” zu einem wirklich außergewöhnlichen Ereignis werden lassen. “Über Idi Amin wusste ich, bevor mir die Rolle angetragen wurde, nur, dass er irgendein schrecklicher Diktator war”, beschreibt Whitaker die Annäherung an seine Rolle. “Ich hatte keine Ahnung von seinem Charisma und seiner humorvollen Art. Er war eigentlich ein sehr sozialer Mensch, der gerne Akkordeon spielte und die Leute zum Lachen bringen konnte. In Uganda gibt es viele Menschen, die ihn immer noch als Helden sehen. Um seiner Person gerecht zu werden, musste ich also auch seine sympathischen Seiten zeigen. Sonst versteht man seine Anziehungskraft auch gar nicht.” Und tatsächlich zeigt Whitaker Amin an vielen Stellen des Films als einen freundlichen, gutmütigen Koloss, der allerdings von einer Sekunde zur anderen bedrohliche Züge annehmen kann. Dadurch entsteht eine Unberechenbarkeit, die für den Zuschauer physisch spürbar wird. Für Whitaker ist dieses zwiespältige Verhalten das Ergebnis einer fehlgeleiteten Laufbahn: “Er war ursprünglich ein einfacher Soldat. Es war nicht seine Wahl, Präsident zu werden, er wollte es zunächst auch gar nicht. Schließlich wurde er von den Briten ins Amt eingesetzt. Dann versuchte er tatsächlich, seine Ideen durchzusetzen, und stieß dabei auf Widerstand von allen Seiten. Je mehr er scheiterte, desto mehr isolierte er sich und desto paranoider wurde er. Er begann, um sein Leben zu fürchten. Es ist nicht schwer nachzuvollziehen, wie ein Soldat in so einer Situation reagiert. Mit Gewalt.”
Man sollte diese starke Empathie nicht als Verständnis für einen Tyrannen interpretieren, sondern eher als Voraussetzung für eine vielschichtige Performance, die einen teilweise recht konstruiert wirkenden Thriller zu einer faszinierenden Studie über extreme Formen traditioneller Hierarchiemodelle werden lässt. Denn “das eigentlich Grauenhafte an der Macht”, so Whitaker, “ist die Angst, sie zu verlieren.”

Der letzte König von Schottland
USA 2006
R: Kevin Macdonald; D: Forest Whitaker, James McAvoy, Kerry Washington, Gillian Anderson; 15.03.



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aus Intro #147 (März 2007)
 
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