Phil Morrison / Junebug

Wenn ich ein Schraubenzieher wär’

[USA 2005]

27.02.2007, 17:14, Text: arno raffeiner

“I’m so fucking glad we’re outta here.” Er klingt beinahe wie ein Fluch, jener Stoßseufzer, den George Johnsten loslässt, als er auf den Highway in Richtung Chicago steuert und sich vom Landjungen langsam wieder in einen smarten Großstädter verwandelt. George (Alessandro Nivola) ist dem Südstaaten-Mief seines Geburtsortes und dem still, aber heftig brodelnden Konfliktkessel namens Familie ein weiteres Mal entkommen. Da kann man schon mal aufseufzen. Doch nach allem, was zuvor im Hause der Johnstens in Pfafftown, North Carolina passiert ist, hätte man so eine wegwischende, fast verächtliche Bemerkung von George am wenigsten erwartet. Dass sich ausgerechnet er als allseits geliebter Sunnyboy und Liebe-auf-den-ersten-Blick-Mann am Ende von “Junebug” noch derart kompromittiert, ist bezeichnend für den genauen Blick und die – wie anders sollte man es nennen? – Ehrlichkeit, mit der Regisseur Phil Morrison in seinem Spielfilmdebüt zu Werke geht. Morrison liebt all seine Figuren mitsamt ihren Fehlern und Marotten gleichermaßen und mag deshalb niemanden besser wegkommen lassen als die anderen.



Dabei variiert “Junebug” (Drehbuch: Angus MacLachlan) einen denkbar einfachen, schon tausendmal erzählten Konflikt: Peripherie vs. Metropole, erzreligiöse Einfachheit vs. weltgewandte Blasiertheit, Familiengemeinschaft vs. Eindringling. Georges Frau Madeleine (Embeth Davidtz), eine distinguierte Galeristin aus Chicago mit dem Fachgebiet “visionary art” a.k.a. Outsider-Kunst, macht sich auf den Weg nach North Carolina, um einen dort lebenden Maler exklusiv an sich zu binden. Bei dieser Gelegenheit besucht sie gemeinsam mit George zum ersten Mal die Johnstens, die in unmittelbarer Nähe wohnen, und wird von Vater, Mutter und Bruder mit einer Mischung aus Höflichkeit, Misstrauen und Unverständnis empfangen – aber auch von der schrillen und distanzlosen Begeisterung von Georges hochschwangerer Schwägerin Ashley (großartig und nicht umsonst Oscar-nominiert für diese Rolle: Amy Adams). Ashley stürzt sich in anrührender Naivität auf Madeleine, verlangt, alles aus deren Leben zu erfahren, und findet alles wahnsinnig toll. Dieses extrem ungleiche Paar wartet nun auf den jeweils großen Moment: Madeleine auf die Vertragsunterzeichnung mit ihrem verwirrten, in Civil-War-Fantasien gefangenen Künstler und Ashley auf die Geburt ihres Kindes, das sie Junebug nennen möchte.
Wie Morrison diese an sich simple Story mit Atmosphäre aufzuladen vermag – mit einer Fülle an Details und Nebengeschichten, mit lakonischen, dabei trotzdem ungemein dichten Bildern –, das ist bestes amerikanisches Independent-Kino und wurde bereits auf einigen US-Filmfestivals mit diversen Auszeichnungen belohnt. Dass der bislang praktisch unbekannte Regisseur dabei von der Kritik in eine – ziemlich schräg gezogene – Linie von Gus Van Sant bis zu Woody Allen eingereiht wird, offenbart allerdings trotzdem eine gewisse Ratlosigkeit. Vielleicht ist diese Verlegenheit nur Ausdruck der Überraschung darüber, wie simpel und zugleich vieldeutig Morrison eine der wesentlichen Bruchstellen in der US-amerikanischen Gesellschaft aufzuzeigen vermag. Die große Stärke von “Junebug” ist, dass der Film nie wertet, die verschiedenen Milieus nicht gegeneinander ausspielt, sondern viel eher genau beobachtet und seine Wirkung durch die Stimmungen entfaltet. Morrisons filmischer Blick ist so gehaltvoll wie zärtlich: etwa auf den Fitnessfanatismus von Ashley, die noch im neunten Monat stolz verkündet, wieder zwei Pfund verloren zu haben, verschämt an Karotten knabbert und andererseits Lust darauf hat, aus einem Fläschchen Nagellack zu trinken; auf Vater Johnstens tagelange Suche nach einem Schraubenzieher (“Where would I be, if I was a screwdriver?”); auf den wieder zum Landjungen gewordenen George, wenn er mit zwei weiteren Gemeindemitgliedern ein Kirchenlied anstimmt; oder einfach nur auf die Zimmer im Haus der Johnstens und auf eine selbstaufblasbare Matratze, die sekundenlang vor sich hin schwellen darf. “Junebug” etabliert eine Art von Realismus, der sich seine Sujets sehr überlegt auswählt, aber ungemein liebevoll mit ihnen umgeht.


Junebug
USA 2005
R: Phil Morrison; D: Amy Adams, Embeth Davidtz, Alessandro Nivola, Ben McKenzie, Celia Weston, Scott Wilson; 01.03.



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