Sick And Twisted & Lost And Found. Six Glances At A Generation

Diverse 1999-2005 & BIH/RU/BG/EST/H/YU 2005

[R: diverse; D: diverse; Kurts Filme & R: diverse; D: diverse; Al!ve]

29.01.2007, 06:00, Text: Sonja Eismann, arno raffeiner

Selbst wenn ein abgesprengter Kopf über den Boden kullert, ist es immer noch da: dieses blöde zynische Grinsen, das den MacherInnen der Kurzfilmsammlung “Sick And Twisted” einfach nicht vergehen will. Die Neuinterpretationen des Genres Horror erschöpfen sich hier oft genug in ironischen Kniffen und einem Splatter-Lachen. Da gibt es die Blutspritzorgie, die selbst noch ihre politische Botschaft gegen die Todesstrafe ins Lächerliche zieht, Comic-Animationen und Anmach-Witzchen, aber auch das großartige Kurzdrama “Man Seeking Man”, das aufgrund seiner Klasse in dieser Sammlung etwas deplatziert wirkt. Regisseur Matti Harju erzählt darin von einem einsam lebenden Vater, der versucht, seine ersten schwulen Erfahrungen zu machen – und dabei ausgerechnet auf den eigenen Sohn stößt. So kann der Horror einer Vaterliebe aussehen.
In eine ganz andere Richtung stoßen die sechs Kurzfilme von “Lost & Found” vor, deren Produktion u. a. vom Goethe-Institut unterstützt wurde und die wohl so etwas wie ein upgedatetes Bild des Ex-Ostblocks für den diesbezüglich immer noch weitgehend im Dunkeln tappenden Westen bieten sollen. Schön, dass nicht nur bzw. sogar das auf unpeinliche Weise gelingt, sondern dass die sechs überwiegend jungen FilmemacherInnen aus Rumänien, Bulgarien, Bosnien, Ungarn, Serbien und Estland künstlerisch und inhaltlich hoch ambitionierte Kurzwerke geschaffen haben, die auch auf voller Länge funktionieren würden. Wo das düster-albtraumhafte Inzestdrama des Ungarn Kornél Mundruzcó mit seiner Manieriertheit die genretypischen Schwächen aufweist und die nichtsdestotrotz sehr charmanten Beiträge aus Bulgarien und Rumänien ein bisschen zu sehr ins Folklore-Horn tuten, brilliert “Fabulous Vera” mit dem ganz normal verrückten City-Life aus Plattenbau-Belgrad. Am herausragendsten ist jedoch ohne Zweifel die kurze Doku von Jasmila Zbanic, kurz darauf als Regisseurin von “Grbavica” berühmt geworden, über den Geburtstag zweier Mädchen, die am Tag der Zerstörung der Alten Brücke von Mostar 1993 gleichzeitig im Osten und Westen der von nun an gewaltsam geteilten Stadt geboren wurden. “Wir haben Internet und auch SMS, wir sind die neue Generation” singt die Bosnierin Dunja mit ihrer Schulklasse. “Die Politik interessiert uns nicht. Ihr sollt nur fröhlich sein”, instruiert ihre Lehrerin die SchülerInnen für den Tag des Festes zum Wiederaufbau der Brücke. Prägnanter kann man den Begriff der “neuen Generation” kaum problematisieren.





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aus Intro #146 (Februar 2007)
 
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