
Dig!
USA 2004
[R: Ondi Timoner; D: The Brian Jonestown Massacre, The Dandy Warhols; Good Movies]
29.01.2007, 06:00, Text:
Sascha Seiler
Um es vorneweg und ohne Einschränkungen festzuhalten: “Dig!” ist einer der besten Musikdokumentarfilme, die jemals gedreht wurden. Filmemacherin Ondi Timoner hat Mitte der 90er den Plan, eine Doku über zehn aufstrebende Bands in L.A. zu drehen, die allesamt kurz vor einem Plattendeal stehen. Es sollte eine make-or-break-Geschichte werden, ein Alternativ-”Popstars”, doch so genau hatte sich die Regisseurin noch keine Gedanken gemacht, als Bekannte sie auf diese aufstrebende Band aus San Francisco namens The Brian Jonestown Massacre aufmerksam machten. Timoner fuhr hin und sah “keine Band, sondern Cartoon-Figuren”, geführt von einem egomanischen, nicht zu kontrollierenden Typen namens Anton Newcombe. Newcombe wiederum kannte ein paar Leute aus Portland, Oregon, die ebenfalls kurz vor dem überregionalen Durchbruch standen: die Dandy Warhols um Courtney Taylor, die er mit der Filmemacherin Silvester 1996 uneingeladen besuchte. Von da an warf sie ihr Konzept über den Haufen und folgte beiden Bands sieben Jahre lang auf ihren Wegen. Welch ein Instinkt, denn die Parallelisierung des wahnsinnigen Genies Newcombe und des kontrollierten, geschäftstüchtigen Taylor wurde zum zentralen Motiv des Films.
Kritiker mögen im erratischen Verhalten Newcombes ein “real-life Spinal Tap” gesehen haben, doch in Wahrheit ist dies die tragische Geschichte eines verhaltensgestörten, völlig verarmten Menschen, der zwar ein musikalisches Genie ist, seine Stärken jedoch niemals kanalisieren kann. Eine Tragödie griechischen Ausmaßes, denn während die Dandy Warhols in Europa aufgrund eines Handy-Werbespots zu Superstars werden, versaut Newcombe die größte Chance, die ein Musiker bekommen kann: Jedes große Plattenlabel in den USA will die Band signen, Elektra organisiert ein Showcase im Viper Room, danach soll die Unterschrift auf dem Millionen-Vertrag stehen. Newcombe aber rastet aus und fängt an, auf der Bühne seine Mitmusiker zu verprügeln. “Attitüde” mag man da sagen, doch Newcombe verkörpert – dies zeigen, neben zahlreichen weiteren Ausbrüchen, Morddrohungen gegen die Dandy Warhols und Heroineskapaden – keine Post-Punk-Attitüde, er ist unkontrollierbar. Mit seinem manischen Wesen schafft er es allerdings, zwölf, meist großartige, Platten einzuspielen, zum Teil mit Produktionskosten von sieben (!) Dollar. Die parallel erzählte Geschichte vom Aufstieg der Warhols und dem Fall Newcombes endet im Jahre 2004 mit einem Comeback-Gig, bei dem der sichtlich verstörte Anton mit faulem Obst beworfen wird. Er ist zur Witzfigur geworden, denn die Menschen gehen nur noch zu seinen Konzerten, um ihn ausrasten zu sehen. Doch er macht weiter, er wird, das geben sogar die Warhols zu, als eines der großen verkannten Genies in die Musikgeschichte eingehen. Und was machen eigentlich die Dandy Warhols heute?
Artikel kommentieren
Mehr Infos
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
DVD-EMPFEHLUNGEN
- » A Beginner’s Guide To Endings...
- » Night Of The Living Dead - Wi...
- » Misfits - Die erste Staffel
- » Ashes To Ashes - Byzantinisch...



