
Angst essen Seele auf
D 1973-74
[R: Rainer Werner Fassbinder; D: Brigitte Mira, El Hedi Ben Salem, Barbara Valentin; Arthaus / Kinowelt]
29.01.2007, 06:00, Text:
Martin Büsser
Lange hat es gedauert, bis nun auch Fassbinders bekanntester, erfolgreichster und wohl auch kommerziellster Film in der Arthaus-Reihe erschienen ist. Inspiriert von Douglas Sirks “Was der Himmel erlaubt” (1956), hatte Fassbinder erstmals ein Melodram gedreht, das sich an der Machart Hollywoods orientierte und doch eine sehr deutsche Stimmung verbreitet: Selten ist das Leben der Unterschicht (wurde dieser Begriff damals eigentlich schon verwendet?) Anfang der 1970er in so eindringlichen Bildern eingefangen worden. Brillant spielt Brigitte Mira eine 60-jährige Witwe, die sich als Putzfrau durchs Leben schlägt. Ihr trister Alltag ändert sich schlagartig, als sie während eines Platzregens in eine Kneipe flüchtet – der typische Alptraum einer “kleinen Kneipe in unserer Straße” – und dort den marokkanischen Gastarbeiter Ali kennen lernt. Beide verlieben sich ineinander und heiraten trotz des massiven Drucks, dem Emmi täglich von allen Seiten ausgesetzt ist: Nachbarn, Arbeitskolleginnen und die eigene Familie wollen mit der “Schlampe” nichts mehr zu tun haben. “Nix weinen. Nix Angst. Angst essen Seele auf!”, wird sie von Ali schon zu Beginn des Films getröstet, doch der alltägliche Rassismus, der bereits Thema in Fassbinders Frühwerk “Katzelmacher” (1969) war, treibt Emmi immer mehr in die soziale Isolation – eine ältere Frau, die ein Verhältnis mit einem jüngeren, gut aussehenden Ausländer eingeht, ist im Deutschland der frühen 1970er ein Unding.
Doch “Angst essen Seele auf” geht über ein bloß moralisches Drama hinaus und irritiert all jene Zuschauer, die bis zur Mitte des Filmes glaubten, dass an allem nur “die Gesellschaft” Schuld sei. Nach ihrer Hochzeit ist die Beziehung zwischen den beiden nämlich kaum mehr einem äußeren Druck ausgesetzt, dafür gerät das Verhältnis zwischen Emmi und Ali immer mehr in eine Krise und eskaliert, als sich Ali mit der Wirtin Barbara einlässt. Der in Cannes mit dem Kritikerpreis ausgezeichnete Film, der trotz linearer Erzählstruktur keine einfachen Antworten liefert, erscheint nun mit umfangreichem Bonusmaterial. Neben einer Diskussion mit den Darstellern und einem Liedvortrag von Brigitte Mira (die für ihre Rolle mit dem Deutschen Filmpreis in Gold ausgezeichnet wurde) findet sich auf der DVD auch ein Gespräch mit Regisseur Todd Haynes (“Dem Himmel so fern”) über Fassbinder und dessen Verhältnis zum Melodram. Ein Klassiker kehrt hier in der ihm angemessenen Ausstattung zurück.
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