ACMI

Alles auf interaktiv

29.01.2007, 06:00, Text: Sonja Eismann

Das Australian Center For The Moving Image ist in jeder Hinsicht ein Monsterprojekt: Nicht nur sitzt das 110 m lange, architektonisch beeindruckende Gebäude mitten im kulturellen Zentrum der Stadt, dem 2002 komplett neu bebauten Federation Square neben der geschäftigen Flinders Street Station, die mehrstöckige Struktur aus Sandstein, Zink und Glas ist weltweit auch das einzige Medienzentrum, das sich in diesem Umfang und in dieser Konsequenz allem, was mit “bewegten Bildern” zu tun hat, widmet. Und das ist eine Menge, wie wir spätestens beim ausführlichen Rundgang mit dem so stylishen wie freundlichen Pressereferenten Justin Rogers mitkriegen.
Die Kernsegmente Film, TV, neue Medien, Games und Kunst sind jeweils nochmals in einzelne Unterbereiche aufgedröselt: Während z. B. während unseres Besuchs in einem der High-Tech-Kinosäle mit den (für optimalen Klang) perforierten Wänden Melbourner SchülerInnen gerade einen australischen Filmklassiker ansehen, sitzen unten im Gameslab Kinder und Erwachsene unter Anleitung am Rechner, leihen sich im Eingangsbereich Mitglieder aus der umfangreichen Mediathek Filme aus und nehmen in einem Studio ein paar Leute mit Instrumenten gerade einen Jingle für ein Kommunalradio auf. Im “Memory Grid” können sich die BesucherInnen in futuristischen Kuben digitale Kurzfilme von FilmemacherInnen und -studis, aber auch von TeilnehmerInnen der Hands-on-Workshops des ACMI oder sogar von interessierten Laien, die ihre Materialien einsenden, ansehen. Im Programm “MAP – Memory and Place Project” sind hier per Mauszeiger auf dem Monitor verschiedene Regionen der Provinz Victoria anzuklicken, hinter denen sich Kurzfilme mit spezifischem regionalen Bezug verbergen, sodass fernab kommerzieller Interessen ein geografisches Video-Archiv entsteht.
Abgesehen von der im unter der Erde gelegenen Stockwerk gerade entstehenden Ausstellung “Eyes, Lies & Illusions” über visuelle Wahrnehmung von der Renaissance bis heute, erinnert im ACMI rein gar nichts an die Gegebenheiten eines konventionellen Museums. Wo sonst auf frontale Kunstrezeption gesetzt wird – Bilder an Wänden, ganz banal gesagt –, steht hier die Interaktivität im Vordergrund. Ohne eigene Betätigung erschließt sich erst mal gar nichts.
Kein Wunder also, dass diese bewusst hypermoderne Institution sich scheut, den Begriff “Museum” im Namen zu führen, doch wie bei jeder staatlichen Kunstanstalt gibt es auch hier Anstrengungen zur Historisierung. Zurzeit läuft beispielsweise “Hits Of The 80s – Aussie Games That Rocked The World” über den Softwarehersteller Beam, der in den 80er-Jahren mit C64-Spielen wie “Way Of The Exploding Fist” international erfolgreich war. Die Reflexion und Archivierung der so genannten neuen Medien (oder nicht mehr ganz so neuen, wie TV) sei deshalb so wichtig, betont Rogers, da sie stets so sehr auf Unmittelbarkeit und Aktualität ausgerichtet gewesen seien, dass sie selbst völlig geschichtslos erschienen. “Wir haben gerade eine Ausstellung anlässlich des 50. Geburtstages des australischen Fernsehens gemacht. Da hatten wir das Problem, dass eine Menge historischer Aufnahmen gar nicht mehr vorhanden waren, weil damals einfach über alles drübergetapet wurde. Sogar die allerersten Worte, die jemals im australischen TV gesprochen wurden, waren weg. Die mussten wir nachstellen.”





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aus Intro #146 (Februar 2007)
 
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