Lady Vengeance

ROK 2005

[R: Park Chan-Wook; D: Lee Young-Ae, Choi Sin Mik, Oh Dai-Su; 11.01.07.]

29.01.2007, 06:00, Text: Jürgen Dobelmann

In einer brutalkapitalistischen Vorwärts-Gesellschaft wie jener Südkoreas unterliegt selbst das Regelwerk zur Auslösung eines filmischen Maximal-Horror-Impulses dem bildungselitären Wertesystem, das die Gesellschaft des Landes seit Jahrzehnten prägt. Weit nachhaltiger als die explizite Schilderung und Darstellung körperlicher und psychischer Gewalt gegen Kleinkinder trifft die Protagonistenschar in “Lady Vengeance” darum die Tatsache, dass die durch Entführung erpressten Geldmittel einem kinderlosen Übeltäter zur Finanzierung einer Privat-Yacht dienen sollten – anstatt wie landesüblich bis zur Selbstaufgabe in die Erziehung und Bildung des Nachwuchses zu fließen.

Man mag es kaum glauben: Die im US-amerikanischen oder europäischen Film gängige und jederzeit akzeptable Rechtfertigung für Straftaten aller Art – die uneingeschränkte persönliche Bereicherung – vermag dem Kinobesucher in Seoul oder Busan tatsächlich noch den moralischen Knock-out zu versetzen. Selbst der rekordverdächtig unterkühlten Lady Vengeance, bis kurz zuvor noch ungerührt in die Beschreibung der Kidnapping- und Tötungsgepflogenheiten des Ultra-Peinigers Mr. Baek vertieft, erstirbt angesichts der sittlichen Ungehörigkeit für den Bruchteil einer Sekunde der Redefluss.
Durch seine beiden Rache-Dramen “Sympathy For Mr. Vengeance” (2002) und “Oldboy” (2003) wurde Park Chan-Wook in den vergangenen Jahren neben Kim Ki-Duk (“Bin-Jip” u. a.) zum bekanntesten und erfolgreichsten Regisseur seines Landes. Seine Popularität außerhalb Südkoreas verdankt der 43-Jährige u. a. einer drastischen Gewaltästhetik, die dem Tarantino-Publikum den Konsum seiner Arbeiten auch ohne Koreanistik-Vorkenntnisse ermöglichte und dem vielfach ausgezeichneten Regisseur und Drehbuchautor kommerzielle Daseinberechtigung außerhalb seiner Heimat bescherte. Mit “Lady Vengeance”, der in Südkorea bereits im Juli 2005 anlief, kam Anfang Januar 2007 der Trilogie-Abschluss nun endlich auch in deutsche Kinos. Der Film beschreibt das Schicksal einer jungen Frau, Lee Geum-ja, die zu Unrecht eine dreizehnjährige Haftstrafe wegen Kindesentführung zu verbüßen hat. Zurück in Freiheit macht sie sich sofort an die Umsetzung eines kühnen Vergeltungsplanes, dessen penibler Ausarbeitung sie jede Minute ihres unverschuldeten Knastaufenthalts gewidmet hat.
Für die Rolle des unerbittlichen Racheengels, der sich im Strafvollzug per Konvertierung zum christlichen Glauben in einen selbstlosen Engel verwandelt, nach der Entlassung von den einst samaritär Begünstigten allerdings gnadenlos die für die Umsetzung ihrer Rachepläne notwendigen (Gegen-) Leistungen einfordert, wählte Park mit Lee Youn-Ae eine Darstellerin, die in ihrer Heimat primär für ihre Anmut und Schönheit berühmt ist. “Im kommerziellen Film besetzt man Rollen mit Schauspielern, die passen – man betreibt ‘Typecasting’. Ich setze dagegen auf ‘Countercasting’, wie es Alfred Hitchcock praktizierte”, erklärt er. “Lee Youn-Ae ist extrem populär, vor allem in China. Doch ihre öffentliche Wahrnehmung ist sehr eingeschränkt, da sie zuvor nur liebliche Charaktere verkörpert hat.” Mit ihrer Verpflichtung in der Titelrolle sorgte der Regisseur in Asien bereits mit der Bekanntgabe der Besetzung für eine Kontroverse plus Medien-Interesse. Ein Faktor, auf den sich Park Chan-Wook in anderen Kontinenten gleichwohl nicht verlassen kann. Das gewählte Sujet gestattet ihm allerdings, die formal spannende und z. T. anrührende Geschichte mit gewohnt virtuosen Krassheiten auszustatten, die sein internationales Kino-Klientel von ihm erwartet.
Dennoch bekommen auch die außerasiatischen Kinogänger die Auswirkungen des Sauberfrau-Images der Hauptdarstellerin zu spüren. “Die weniger explizite Darstellung von Brutalität in ‘Lady Vengeance’ ist keine Reaktion auf die Kritik an meinen früheren Filmen”, betont Park. “Es liegt an Young-Ae. Es wäre angesichts des Charakters der Schauspielerin schlicht obszön. Audrey Hepburn für eine Rache-Story zu casten wäre ja schon schockierend genug. Aber zu zeigen, wie sie jemandem den Arm abhackt – das wäre schlicht Sensationsgier”, übersetzt Park seine Beweggründe für fernwestliche Ohren. Die Entscheidung, nach “Mr. Vengeance” und “Oldboy” überhaupt eine Frau in den Mittelpunkt der Handlung zu stellen, war derweil unausweichlich: “Die Männer in den Filmen zuvor agieren impulsiv und richten nur Chaos an. ‘Lady Vengeance’ geht einen Schritt weiter. Ihre Vergeltung ist kalt und kalkuliert, wesentlich intellektueller. Außerdem wollte ich gegen das stereotype Bild arbeiten, das Frauen zeigt, deren Verhalten ausschließlich auf Gefühlen und Instinkt basiert.” Etwaige Beanstandungen, seine Filme könnten unvorbelasteten Betrachtern das Konzept der Selbstjustiz schmackhaft machen, lässt er grundsätzlich nicht gelten: “Rache ist immer idiotisch. Als ein Koreaner im Irak von Terroristen enthauptet wurde, gab es viele Stimmen, die Spezialeinheiten forderten, um ‘sie alle zu vernichten’. Aber selbst in einem solch extremen Fall ist Rache niemals gerechtfertigt. Was ich mit diesem Film sagen will, ist: Wenn der Mörder deines Kindes gefesselt vor dir sitzt, du ein Messer in der Hand hast und niemand herausfinden kann, was du getan hast. Könntest du der Versuchung widerstehen?”



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