Paul Rachman / American Hardcore

USA 2006

[R: Paul Rachman; D: Ian MacKaye, Flea, Henry Rollins, Mark Arm; 14.12.]

16.12.2006, 16:00, Text: Martin Büsser
[10 Kommentare]

Hardcore war der erste und einzige Musikstil, der sich komplett unabhängig von der Musikindustrie ausbreitete. Zumindest in den ersten sechs Jahren, jener “goldenen Epoche”, der Regisseur Paul Rachman in seinem Dokumentarfilm “American Hardcore” nachspürt. Inspiriert von dem gleichnamigen Buch, lässt Rachman Szene-Protagonisten von Black Flag bis Minutemen, von MDC bis SSD zu Wort kommen, durchmischt mit Liveaufnahmen von Konzerten, die alle auf sympathische Weise unscharf oder verwackelt sind, weil damals tatsächlich weder MTV noch sonstige Profis, sondern nur Fans am Start waren. Hardcore war zu extrem für den damaligen Mainstream – und ist Ende der 1990er dann doch zum festen Bestandteil des Mainstreams geworden.

Was dabei auf der Strecke blieb, sind all die politischen Ideale, die diese Szene aus sich selbst heraus ausgebildet hatte, lange bevor in der Öffentlichkeit von “political correctness” die Rede war: Antifa, Vegetarismus, Anti-Sexismus und “Do It Yourself”. Dies einer jungen Generation ins Bewusstsein zu rufen, die Hardcore erst über MTV und tätowiert kläffende Stadionbands kennengelernt hat, ist der große Verdienst des Films. Dass dabei auch einige negative Seiten der Szene angesprochen werden – vor allem Schlägereien im Publikum –, ist ehrlich und darf nicht verwundern: 1980, als Hardcore losging, waren die meisten Protagonisten zwischen 14 und 16 Jahre alt. “American Hardcore” kommt zur richtigen Zeit. Inmitten einer Phase von neuer Religiosität, Innerlichkeit und Neokonservatismus macht der Film deutlich, dass es durchaus möglich ist, aus Wut, Protest und Negation eine positive Kraft zu ziehen.

American Hardcore” ist in eine politische Rahmenhandlung eingebettet. Der Film beginnt mit der Wahl von Ronald Reagan zum US-amerikanischen Präsidenten. War es dir wichtig, Hardcore als politische Bewegung zu rekonstruieren?

Viele Kids kennen heute nur noch die Namen der Bands. Mir war es wichtig, das Ganze zu kontextualisieren, denn ohne die sozialen Rahmenbedingungen der frühen 1980er hätte es Hardcore wahrscheinlich gar nicht gegeben. Hardcore selbst war keine offenkundig politische Bewegung, hatte also kein politisches Programm. Aber alle konnten sich auf eines einigen: Wir sind gegen Reagan und gegen die Werte, die er repräsentiert. Mir war es wichtig, diese kurze Phase zu rekonstruieren, weil sie so gut wie verschollen ist. Über die Baby Boomer gibt es jede Menge Bücher, über die sogenannte Generation X auch, aber die Kids, die damals Hardcore losgetreten haben, sind eine vergessene Generation.

Die Dead Kennedys hatten allerdings eine klare politische Ausrichtung. Warum hast du ausgerechnet sie nicht mit in den Film aufgenommen?


Es gibt zwei Bands, auf die wir verzichten mussten, nämlich die Dead Kennedys und die Misfits. Beide hatten einen sehr charismatischen Frontmann, und in beiden Fällen hat sich die Band mit ihrem Sänger überworfen. Aber die Dead Kennedys sind ja auch viel zu komplex, als dass es Sinn gemacht hätte, ihnen zehn Minuten in dem Film einzuräumen, denn sie haben einen eigenen 90-minütigen Film verdient.

Ian MacKaye nennt Hardcore an einer Stelle “a manifestation of youth” – und doch existiert Hardcore bis heute, und nahezu jeder, der damals mit der Szene in Berührung kam, hat davon etwas für seinen weiteren Lebensweg mitgenommen.


In dem Zeitraum, in dem dieser Film spielt, waren alle Beteiligten Teenager. Dies hat der Szene eine gewisse Unschuld verliehen. Äußerungen wie “Nothing can stop me” oder “Let’s do it” waren der Motor für einen Aktivismus, wie ihn wohl auch nur Teenager auf die Beine stellen können, die noch nicht gezwungen sind, jeden Tag auf die Arbeit zu gehen. Aus dieser Haltung heraus entstand zudem das, was wir heute “Do it yourself” nennen. Erstmals ist eine ganze Bewegung entstanden, die von der Industrie komplett ignoriert wurde. Erstmals war eine Szene ganz auf sich alleine gestellt und erschuf aus dieser Situation heraus eine ganz eigene Ethik. Es schälten sich Werte heraus wie “resist authority” und “support your friends”. Nie zuvor waren auch die Fans völlig in die Szene eingebunden. Sie stellten bei ihren Touren ihre Zimmer zur Verfügung. Wenn die Bands auf Tour gingen, fanden viele Konzerte nicht in Clubs statt, sondern in Garagen und Privatwohnungen. Den Musikern reichte es, wenn sie etwas zu essen hatten. Geld ist damals so gut wie keines geflossen. Aber um Geld ging es ja auch gar nicht.

Hardcore hatte auch Schattenseiten. Der Film thematisiert leider nur ganz am Rande, dass es sich um eine männlich dominierte Szene gehandelt hat. Die Homophobie der Bad Brains bleibt unerwähnt.


Hardcore war wie ein Regenschirm, der so ziemlich alles aufgefangen hat, was durch die Köpfe von unzufriedenen Teenagern spukt. Gute wie schlechte Dinge. Unterm Strich würde ich aber sagen, dass Hardcore niemanden ausgeschlossen hat. Es gab keine Exklusivität, Weiße haben daran teilgenommen wie Schwarze, Heteros wie Schwule, Männer wie Frauen, Alkoholiker wie Straight Edger. Sämtliche Mitglieder von MDC waren schwul, und sie waren eine der beliebtesten Bands in der Szene. Was Frauen angeht: Es waren wirklich unglaublich viele Frauen in den frühen Hardcore involviert – allerdings nicht als Musikerinnen. Das war das Missverhältnis, mit dem dann erst die Riot Grrrls aufgeräumt haben.

Der Film endet mit dem Jahr 1986. Warum schon so früh? Endete Hardcore nicht eigentlich erst Anfang der 1990er mit dem Grunge-Boom? Fugazi kommen in dem Film zum Beispiel gar nicht mehr vor.


Weil Fugazi Teil der zweiten Generation waren und wir dem Film einen festen Rahmen geben mussten. 1986 sind so viele Dinge den Bach runtergegangen, dass es Sinn macht, dort eine Zäsur zu setzen. Hüsker Dü und viele andere sind in diesem Jahr zu einem Major gewechselt. Andere haben plötzlich Metal gespielt. Greg Ginn hat erklärt, dass sich Black Flag 1986 aufgelöst haben, weil sie sich nicht mehr in ihrer alten Welt wiedergefunden haben. Die Shows waren nicht mehr wie früher, der Underground war kein Underground mehr.



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  • Mediaschnuppe 17.12.2006 | 08:44:22

    beim wort religiösität an der stelle wird es etwas eng, da gerade der us-hardcore in seinem dogmatismus und seiner welt-abgewandtheit nicht nur die positiven elemente gewisser religiösität assoziiert. natürlich unendlich weniger ekelhaft, wie erwähnte regierung und deren äh historischer background.

    der film ist bestimmt sehr schön, und ich empfinde es als durchaus anngenehm, daß man den hardcore nicht so komplettionistisch stur bis in sein altersheim beleuchtet, sondern im rahmen seiner originären frische bleibt. neugierig wäre ich auf die gründe gewesen, die zum ausschluß der popper misfits und dk führten. obwohl... man ahnt es ja.

  • User: K_I_M
  • K_I_M 18.12.2006 | 16:35:19

    ist die erklärung dafür nicht gleich mitgeliefert worden?

    Zitat aus dem Interview auf intro.de:

    Die Dead Kennedys hatten allerdings eine klare politische Ausrichtung. Warum hast du ausgerechnet sie nicht mit in den Film aufgenommen?

    Es gibt zwei Bands, auf die wir verzichten mussten, nämlich die Dead Kennedys und die Misfits. Beide hatten einen sehr charismatischen Frontmann, und in beiden Fällen hat sich die Band mit ihrem Sänger überworfen. Aber die Dead Kennedys sind ja auch viel zu komplex, als dass es Sinn gemacht hätte, ihnen zehn Minuten in dem Film einzuräumen, denn sie haben einen eigenen 90-minütigen Film verdient.

    Jetzt also glauben oder aber nicht...

  • User: qwert_zuiopü
  • qwert_zuiopü 29.12.2006 | 00:26:54

    sicher kein schlechter film, aber manchmal würd ich mir bei solchen musikdokumentationen wünschen, dass sie nicht immer nach dem gleichen schema aufgebaut wären...

  • User: K_I_M
  • K_I_M 29.12.2006 | 20:57:23

    Soll heissen??? Ich stell mir das so vor wie bei der Surfdoku "Riding Giants" mit viel Selbstbeweihräucherung. Allerdings fühlte ich mich da auch nur solange davon genervt, bis mich dann die Begeisterung packte und ich den Blödsinn plötzlich faszinierend fand (ähnlicher Mechanismus wie bei 8Mile)...

    Ich schau ihn mir allerdings auf jeden Fall mal an, die Jugend und so

  • User: strickliesel
  • strickliesel 29.12.2006 | 21:19:03

    Leider bisher in Köln nicht zu sehen ...
    Bitte Augen offen halten!

  • User: Mark Kowarsch
  • Mark Kowarsch 30.12.2006 | 15:28:13

    hat den schon einer gesaugt? ... will haben...

  • barcode75 31.12.2006 | 16:09:14

    @ k_i_m: so schlimm fand ich das mit der selbstbeweihräucherung aber nicht. da hab ich schon extremeres gesehen.... teilweise sogar ziemlich selbstkritisch, von wegen gewalt und so....

  • User: K_I_M
  • K_I_M 03.01.2007 | 10:22:34

    @barcode: Die Selbstbeweihräucherung war auch auf den Surffilm bezogen. Hardcore hatte ich noch gar nicht gesehen, darf ich mir Ende Januar in HH ansehen!!!

  • barcode75 03.01.2007 | 10:37:15

    oh ja, jetzt seh ichs....

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