Der Tintenfisch und der Wal

USA 2005

[R: Noah Baumbach; D: Jeff Daniels, Laura Linney, Jesse Eisenberg; Sony Pictures Home]

20.11.2006, 06:00, Text: Oliver Minck

Stell dir vor, deine Eltern sind intellektuelle Ego-Shooter: Dein Vater ist ein Hochschuldozent und ehemaliger Erfolgsschriftsteller, der sein schwindendes Selbstbewusstsein durch großspuriges Mackertum zu kompensieren versucht. Deine Mutter hingegen startet mit der schriftstellerischen Karriere gerade erst so richtig durch und befindet sich, beflügelt von der bis dato unbekannten Anerkennung, voll auf dem Befreiungstrip. Und dann trennen sich die beiden voneinander, weil die Größe ihrer Egos nicht mehr kompatibel ist. Und du wirst zum Spielball ihres Beziehungs-Clashs. Dann kannst du dir ungefähr vorstellen, wie Frank, 12, und Walt, 16, sich fühlen müssen. Genau ihre Perspektive ist es nämlich, aus der Noah Baumbach seine genauso lustige wie abgründige Familienkomödie zu großen Teilen erzählt. “Ich und Mum gegen dich und Dad”, ruft Frank schon gleich zu Beginn des Films und leitet damit ein Tennismatch ein, das die kommenden Ereignisse eigentlich schon vorwegnimmt. Denn während Frank zunächst einmal zum Muttersöhnchen mutiert, schlägt Walt sich auf die Seite seines Vaters, bemüht sich sogar, dessen auf Selbstzweifeln fußendes Prahlhans-Gebaren eins zu eins nachzuahmen.


Baumbach versteht es, Empathie zu erzeugen, ohne dabei auch nur den Anflug von Sentimentalität zu verbreiten. Er verleiht den Protagonisten Sympathie, indem er ihre egomanischen Schwächen in snapshotartigen Szenen nachvollziehbar macht. Und würzt das Ganze mit trockener, niemals alberner Situationskomik. Jedes Familienmitglied verarbeitet den Familiengau auf seine eigene, merkwürdige Weise und wächst auch ein Stückchen daran. Aber zum Glück nicht so sehr, als dass es zwangsweise Hollywood-like zum uneingeschränkten Happy End kommen müsste. Großartig, wie diese erzählerische Sensibilität dann auch ihre visuelle Entsprechung findet: Selten wurden die 80er-Jahre so charmant und subtil in Szene gesetzt, ohne dabei gleich die Retro-Keule zu zücken. Der Mief des vermeintlich freigeistigen intellektuellen Brooklyn der frühen Eighties, er manifestiert sich schon im Erscheinungsbild des gefallenen Familienoberhauptes Bernard, gespielt von Jeff Daniels in absoluter Höchstform: Rauschebart, Matte, Künstlersakko und Tennisschuhe.

Dass dieser wundervolle große kleine Film in den Kinos derart untergegangen ist, ist ein Trauerspiel. Umso wichtiger, ihn nun zum DVD-Release noch einmal nachdrücklich zu empfehlen.



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