
Walk The Line
USA 2005
[R: James Mangold; D: Joaquin Phoenix, Reese Witherspoon; Fox Home]
20.11.2006, 06:00, Text:
arno raffeiner
Der erhoffte, ja, geradezu angekündigte Oscar-Regen für James Mangolds Verfilmung von Johnny Cashs (frühem) Leben ist ausgeblieben. Nur Reese Witherspoon durfte für ihre Darbietung der June Carter die einzige goldene Statuette für “Walk The Line” mit nach Hause nehmen. Vielleicht war der Academy auch ein wenig unheimlich dabei zumute geworden, mit anzusehen, wie in diesem Biopic einer der ganz großen, dunklen und naturgemäß kontroversen Charaktere der Popmusik des 20. Jahrhunderts Wiederauferstehung feierte – in all seiner Gegensätzlichkeit von tiefem Glauben bis zu Drogenexzessen, inklusive cholerischer Zerstörungskraft und bedrohlicher Rebellenpose auf Gefängniskonzerten. Wie jenem legendären im Folsom State Prison, das den Rahmen für “Walk The Line” absteckt. Johnny Cash, der Mythos in Schwarz, hat in Joaquin Phoenix einen einzigartigen Wiedergänger gefunden. Bei allen der Schablone Biopic inhärenten und auch von Mangold hier nicht umgangenen Mängeln sind es letztendlich Joaquin Phoenix’ schauspielerische Leistung und das kongeniale Zusammenspiel mit der ebenfalls brillanten Reese Witherspoon, die “Walk The Line” zu einem besonderen filmischen Ereignis machen. Dabei wäre der Hinweis auf die von den beiden HauptdarstellerInnen komplett neu eingesungenen Musikstücke gar nicht unbedingt nötig. Sie stellen eher eine Art Zugabe dar. (Genauso, wie die Gerüchte um Phoenix’ nach den Dreharbeiten notwendig gewordene Entziehungskur eine bezeichnende Fußnote abgeben, auf die man allerdings gerne verzichtet hätte.) Phoenix und Witherspoon leben ihre Rollen, und das in beinahe beängstigender Intensität.
Regisseur James Mangold bzw. die Produzenten des Films haben jedoch nicht nur mit dieser kaum zu übertreffenden Besetzung ein glückliches Händchen bewiesen. Mangold weiß, dass eine möglichst nah an den porträtierten Menschen bleibende filmische Hymne, wie “Walk The Line” eine ist, erst durch einen in sich gebrochenen Helden erträglich wird. In diesem Film interessieren nicht – oder zumindest nicht ausschließlich – die Überhöhung und die Vergötterung eines Stars, sondern dessen Abgründe. Joaquin Phoenix zeigt Johnny Cash unsicher und labil, sein ganzes Leben lang verfolgt von der Vergangenheit und dem frühen Tod seines Bruders, aber auf der anderen Seite doch wieder herrisch und manisch. Dabei wird in “Walk The Line” noch gar nicht der ganze Cash erzählt, im Grunde geht es vorrangig um eine Liebesgeschichte: vom ersten Erklingen June Carters kindlicher Stimme im Radio über die Begegnung backstage bei einem Auftritt bis zum Heiratsantrag bei einem Konzert 1968, mitten auf der Bühne. Eine fanatische Liebesgeschichte darf hier ihr vorläufiges Happy End erleben – vor den nächsten Abstürzen.
Die DVD kommt als Sonderedition inklusive Audio-CD und gleich mehreren Hintergrund-Features zu Cashs Leben zwischen Gott und Amphetamin sowie zur großen Liebe zwischen Johnny Cash und June Carter.
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