
Die Zeit die bleibt
F 2005
[R: François Ozon; D: Melvil Poupaud, Jeanne Moreau, Valeria Bruni-Tedeschi; Paramount Fine Films]
23.10.2006, 06:00, Text:
Martin Büsser
“Melodramen mit männlichen Hauptfiguren sind sehr selten”, erklärte Regisseur François Ozon, “und wenn, dann geht es zumeist um Kinder oder um alte Leute.” Umso mutiger war es, den Film “Die Zeit die bleibt” mit Melvil Poupaud als männlichem Hauptdarsteller zu besetzen, der nicht gerade als sympathische Figur eingeführt wird. Er spielt den 30-jährigen Fotografen Romain, einen erfolgreichen und gut aussehenden Typen, der in der Modebranche arbeitet. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere entdeckt sein Arzt einen Tumor und eröffnet ihm, dass er nur noch wenige Wochen zu leben habe. Ein klassischer Filmplot also. Doch “Die Zeit die bleibt” wird ab diesem Moment – trotz des sakralen Soundtracks von Arvo Pärt – nicht rührselig und unterscheidet sich zugleich von jenen Sterbefilmen, die im Hedonismus enden oder wie “Hana-Bi” in einer großen Abrechnung. Romains Charakter bleibt auch in den letzten Tagen seines Lebens ambivalent, denn er verschweigt seine Krankheit sowohl seinen Eltern wie auch seinem Liebhaber Sasha. Allein seiner Großmutter vertraut er sich an, betrachtet sie als eine Art Verbündete, da sie selbst bereits nahe am Tod ist. Doch obwohl Romain seine Krankheit verschweigt, wird die Beziehung zu seiner Umwelt inniger, immer mehr verzichtet er auf bloß oberflächliche Konversation – eine Wandlung, die den um den nahenden Tod wissenden Zuschauer zum Komplizen macht.
Nach “Unter dem Sand” (2000) ist Ozons “Die Zeit die bleibt” der zweite Teil der “Trilogie über die Trauer”, die Ozon mit einem Film beenden will, der vom Tod eines Kindes handelt. Die Trauer gibt dem Film auch eine politische Dimension, denn der nahende Tod verdeutlicht die Verlogenheit der Branche, in der Romain die ganze Zeit gearbeitet hat, und deren Versuch, uns dauerhafte Jugend und Vitalität vorzuspielen. Und es ist eine kritische Reflexion darüber, was Film und Fotografie sein können, wenn man sie nicht zum bloßen Reiz der Oberfläche degradiert. Anders gesagt: Ozons “Die Zeit die bleibt” ist ein Plädoyer für ein kritisches Kino, das sich an letzte Fragen heranwagt, ein Plädoyer, das der Regisseur über den Umweg der Fotografie verdeutlicht. Denn Romains oberflächliches Verhältnis zur Fotografie ändert sich schlagartig, als er von seinem baldigen Tod erfährt. Plötzlich bekommt Fotografie einen ganz neuen Sinn, wird zu etwas Sakralem, das ihm das Gefühl gibt, den Tod bannen zu können. Vieles in Ozons Film erinnert an Roland Barthes berühmten Essay “Die helle Kammer – Bemerkungen zur Photographie”. Barthes nannte die Fotografie “das lebendige Bild von etwas Totem”. Sie hat etwas Tröstliches, weil sie das Leben in den Archiven vor dem Verschwinden bewahrt, und etwas Untröstliches, weil sie dieses Verschwinden immer wieder vergegenwärtigt. Mit Bildern, das verdeutlicht “Die Zeit die bleibt”, ist es wie mit Menschen: Man kann sie nicht wirklich besitzen. Oder, wie Giant Sand einmal gesungen haben: “You can’t put your arms around a memory.\\"
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