
Pingpong
D 2006
23.10.2006, 06:00, Text:
Lina Dinkla,
Lina Dinkla
Ob ein Begriff wie “Berliner Schule” eine Auszeichnung ist oder sich hinter dieser Zuordnung nicht vielmehr ein Fluch verbirgt – das haben Klassifizierungen und Einordnungsversuche leider ja oft so an sich –, soll hier nicht zur Debatte stehen. Fest steht: Auch Matthias Luthardt wird sich wohl oder übel der Kategorie “Neue deutsche Sachlichkeit” nicht entziehen können. Die ästhetischen wie thematischen Parallelen zu Filmen wie “Bungalow”, “Falscher Bekenner”, “Komm näher” und vielen anderen sind einfach zu offensichtlich. Doch vielleicht kann man sich jenseits von Begrifflichkeiten und Zuordnungen darauf verständigen, dass offenbar viele Filmemacher der jüngeren Generation einfach das Bedürfnis danach haben, Geschichten von aktueller deutscher Befindlichkeit so und nicht anders zu erzählen.
In “Pingpong” wird ein Blick auf die ganz private Situation “Familie” im gehobenen Mittelstand geworfen, in die ein Störfaktor einbricht. Die ganze mühselig zusammengehaltene, oberflächlich heile Welt wird in ihre Einzelteile zerlegt, und auch der Eindringling selbst bleibt am Ende nicht unversehrt. Es ist eine gewöhnliche Konstellation. Auf der einen Seite haben wir die Familie, drei Personen in diesem Fall: Stefan, der mit Frau Anna und Sohn Robert in einem Haus irgendwo im Grünen einer Kleinstadt lebt. Auf den ersten Blick hermetisch abgeriegelt, gesichert sozusagen, eine wahrhaft harmonisch anmutende, ausbalancierte Dreisamkeit. Auf der anderen Seite ist Paul (Sebastian Urzendowsky), der unangekündigt bei dieser Familie – Onkel, Tante und Cousin – auftaucht. Pauls Vater hat sich vor einer Weile umgebracht, aber nicht nur das scheint tiefe Konflikte in dieser Familie ausgelöst zu haben, die jedoch bislang stillschweigend verdrängt wurden. Mit seiner unbeschwert offenen Art provoziert Paul ganz bewusst diese zu gespielter Höflichkeit und vorgeblicher Lockerheit erstarrte Gruppe.
Luthardt setzt mit der Schilderung zu einem Zeitpunkt ein, dem schon viel an Worten und Taten vorausgegangen zu sein scheint. Mit keinem Bild, keinem Dialog zu viel werden die Schwingungen und Zwischentöne eingefangen und durch das hervorragende Spiel aller vier beklemmend gut umgesetzt. Die beiden Cousins können schnell wieder an ihre Kinderfreundschaft anknüpfen, und auch Anna begreift Paul nach anfänglichem Unbehagen als Chance, aus ihren gewohnten Grenzen auszubrechen. Jedoch wird ihr zu spät klar, dass sie ihn lediglich als Spielball in der Auseinandersetzung mit ihrem Sohn benutzt.
Wie eine sadistische Versuchsanordnung und ganz ohne Rücksicht auf Verluste stellt Luthardt seine Geschichte zusammen. Das ist schon eine recht böse Angelegenheit, mit welch ungerührten Einstellungen die grausamen Dynamiken innerhalb dieser Keimzelle festgehalten werden. Nur manchmal, und das ist das Einzige, was diesem tollen Film vorzuwerfen ist, wird die Ästhetik jenes dokumentarischen Realismus etwas übertrieben zelebriert.
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