The Science Of Sleep - Solang man (trotz) Träume(n) noch leben kann

F 2005

[R: Michel Gondry; D: Gael Garcia Bernal, Charlotte Gainsbourg, Alain Chabat; 28.09.]

18.09.2006, 13:28, Text: Oliver Minck

Unter kapitalistischen Gesichtspunkten zählt Kreativität nur dann, wenn sie einen wirtschaftlichen Mehrwert schafft. Michel Gondry ist ein Meister der kapitalistisch verwertbaren Kreativität. Seine Meriten hat er sich in den 90er-Jahren als Werbespot- und Videoclip-Regisseur verdient. Mit Kunstformen, die sich als verkaufsfördernde Maßnahme qua Definition in den Dienst eines Produkts stellen. Wie wenigen anderen Kollegen ist es Gondry allerdings gelungen, seinen Auftragsarbeiten zu einem Eigenleben zu verhelfen. Seine Spots (u. a. für Levi’s, GAP, Diet Coke) und Clips (Rolling Stones, Björk, Foo Fighters, Radiohead, Chemical Brothers u. v. m.) übertreffen die Halbwertszeit der Produkte oft um Längen, entwickeln also ein künstlerisches Eigenleben. Womit sie ihren Ursprungszweck unterwandern, weil sie die angestrebte Hackordnung zwischen Wirtschaft und Kunst auf den Kopf stellen. Gondrys dritter Spielfilm “Science Of Sleep” (nach “Human Nature”, “Eternal Sunshine Of The Spotless Mind” und der noch aktuellen Musikdoku “Dave Chapelle’s Block Party”) macht Kreativität nun zum ästhetischen und inhaltlichen Leitmotiv. Allerdings nicht jene Kreativität, die sich in den Dienst der Ökonomie stellt, sondern Kreativität, die sich selbst genügt. Man könnte auch kindliche Kreativität dazu sagen.


Stéphane (Gael Garcia Bernal), Gondrys männlicher Held, ist ein Kreativbolzen. Ein Spinner, der sich Dinge ausdenkt, an denen man sich zwar erfreuen kann, die aber nicht wirklich zu etwas zu gebrauchen sind. Zum Beispiel eine Sekundenmaschine, mit der man wahlweise eine Sekunde in die Zukunft oder in die Vergangenheit reisen kann. Stéphane ist ein Träumer, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn aus Traum und Realität bastelt er sich seine eigene Wirklichkeit. Sein Problem ist, dass er Ereignisse aus beiden Welten miteinander verquirlt. Das macht das Leben für ihn kompliziert, und er selbst wird für seine Umwelt unberechenbar. Im echten Leben würde man Stéphane wohl als schizophren bezeichnen. In Gondrys Film nicht. Hier folgt man als Zuschauer der subjektiven Realität des Helden. Und Gondry hat sich alle Mühe gegeben, diese in adäquate Bilder zu übersetzten. Stéphanes Traumwelt ist eine Welt aus Pappe, Glitzerpapier, recyceltem Schrott und Filz. Auf digitale Animationen wurde verzichtet und stattdessen vollkommen auf Handarbeit gesetzt. Aufwendige Stop-Motion-Collagen und durchweg selbst gebastelte Sets und Requisiten stehen in der Tradition alter osteuropäischer Trickfilme: Aus dem Wasserhahn sprudelt Zellophan, die Fernsehkameras in Stéphanes virtuellem Fernsehstudio sind aus alten Kartons gebaut, auf denen sogar noch das Logo des Umzugsunternehmens zu lesen ist.

Das Studio ist Stéphanes Traumzentrale. Hier ist er Moderator, Musiker, Regisseur und Schauspieler zugleich, von hier aus kommentiert er die Welt. Die wirkliche Welt sieht anders aus: Aus Mexiko ist der sensible junge Mann zurück nach Paris gekommen und bezieht sein altes Kinderzimmer in der Wohnung seiner Mutter. Der neue Job als Grafikdesigner entpuppt sich als Hiwi-Stelle in einer Fotokalender-Klitsche. Doch dann verliebt sich Stéphane in seine Nachbarin Stéphanie (Charlotte Gainsbourg), nachdem er zuerst an ihrer Freundin interessiert war. Weil aus den gemeinsamen Bastelstunden aus gegenseitiger Verunsicherung partout keine Schäferstündchen werden wollen, verspinnt sich Stéphane in die Theorie, dass Stéphanie ihn nicht liebt. Selbstmitleidig geht er immer weiter verloren in der Welt seiner Träume.

Science Of Sleep” ist ein tragikomisches visuelles Feuerwerk und in seiner detailversessenen Kreativität nahezu selbstgefällig. Und doch liegt gerade in dieser Selbstgefälligkeit eine große Stärke. Weil sie wunderbar korrespondiert mit der egomanischen Kompromisslosigkeit des Helden: Stéphane findet kein Maß, kann sich nicht an Regeln halten. Und kommt damit an kein Ziel. Als spiritueller Heilsbringer taugt er nicht. Auch nicht als kitschig-verklärte, leicht weltfremde, kulleräugige Identifikationsfigur à la Amélie Poulain (auch wenn filmische Parallelen insgesamt natürlich nicht von der Hand zu weisen sind und das Presseheft sogar versucht, Stéphane offensiv als männliche Antwort auf Amélie zu verkaufen, und das schrullige Universum des Helden unter der Headline “Die wunderbare Welt von Stéphane” anpreist). “Science Of Sleep” ist ob seiner psychedelischen Anmutung, seines Retro-Looks und seiner schwelgerischen Ästhetik einerseits ein Hippie-Film, andererseits löst er sich ja gerade nicht auf im Nirwana der Glückseligkeit. Er konfrontiert Zuschauer und Helden immer wieder mit der unkitschigen Wirklichkeit. So kommt es zum Abgleich. Reibung entsteht. Möchte man sein wie Stéphane? Möchte man sich verlieren in einer selbst erschaffenen Parallelwelt? Wenn es bedeutet, dass man trotzdem zu leiden hat an der Nichterfüllung seiner Bedürfnisse? Der Sehnsucht nach Liebe und Nähe zu einem anderen Menschen zum Beispiel? Wohl kaum. Kreativität benötigt offenbar doch einen Anker, eine Verortung, einen realen Bezugsrahmen. Er muss ja nicht unbedingt kapitalistischer Natur sein.



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aus Intro #143 (Oktober 2006)
 
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