
Mike Mills / Thumbsucker
Pro-Weakness
[USA 2005; R: Mike Mills; D: Lou Taylor Pucci, Tilda Swinton, Keanu Reeves, Vince Vaughn; 05.10.]
18.09.2006, 08:14, Text:
Martin Riemann
“Meistens haben wir die wichtigen Dinge sowieso vergessen. Irgendein dummer Babysitter hält einem den Mund zu, damit er in Ruhe seine bekloppte Fernsehsendung sehen kann. Und mit vierzig fragt man sich, wieso man sich schon wieder scheiden lässt.” Das ist einer der vielen rätselhaften Ratschläge, die sich Justin (Lou Pucci) ausgerechnet von seinem Kieferorthopäden anhören muss, denn der zurückhaltende Teenager hat ein “Problem”: Er ist ein Daumenlutscher. Und das mit 17! Justin saugt an seinem Daumen, um sich wohl und sicher zu fühlen, denn das Verhalten seiner Mitmenschen irritiert ihn. Sein Vater (Vincent d’Onofrio), der darauf besteht, dass Justin seine Eltern mit ihren Vornamen anredet, damit er sich nicht so alt fühlt, tigert durchs Leben wie ein unbeholfener Highschool-Sportler, seine Mutter (Tilda Swinton) träumt von einem Date mit einem fragwürdigen TV-Star, und ein desillusionierter New-Age-Kieferorthopäde (Keanu Reeves, hölzern wie immer, aber endlich goldrichtig besetzt) versucht ihn mit Hypnose auf den richtigen Weg zu bringen. Um seine schulischen Leistungen zu verbessern, bekommt er schließlich Ritalin, ein Medikament gegen Hyperaktivität, das den eher schüchternen Teenager in eine rasende Argumentiermaschine verwandelt.
“Was mich an meinen Charakteren am meisten interessiert, sind ihre Fehler. Sie sind in mancher Hinsicht wie kleine Affen, die versuchen herauszufinden, wie das Leben funktioniert.” So beschreibt Mike Mills die Welt von “Thumbsucker”, und die liegt irgendwo in Suburbia, der klassischen amerikanischen Vorstadt. Hier ist alles auffallend ruhig und harmonisch. Eine fast anheimelnde Zärtlichkeit liegt über den Bildern, die Justins Wohnort beschreiben. Originellerweise hat diese Ortsbeschreibung bei Mills keinen doppelten Boden: “Als ich ein Kind war, habe ich mir immer gewünscht, in den Suburbs zu wohnen. Für mich sind sie ein mythischer, märchenhafter Ort. Und auch unser Drehort war tatsächlich ruhig und friedlich.” Mills muss lachen, wenn er das sagt, denn die Vorstellung, dass irgendwo einfach sympathische Menschen leben, ist für einen anspruchsvollen Filmemacher eigentlich absurd. Deswegen wird “Thumbsucker” auch ständig gegen den Willen seines Regisseurs dem Subgenre “disfunktionale Familie” zugerechnet. “Es stimmt mich sehr verdrießlich, wenn die Charaktere meines Films als disfunktional oder schrullig bezeichnet werden. Das sagen die Menschen, die das schreiben, doch nur, um zum Ausdruck zu bringen: ‘Ich bin normal, ich bin glücklich.’ Sogar mein Vertrieb versucht ihn unter diesem Motto zu verkaufen. Es ist wirklich traurig, denn ich habe mir sehr viel Mühe gegeben, die Geschichte nicht eindimensional werden zu lassen, und Klischees vermieden. ‘Thumbsucker’ ist ein feiner und süßer Film. Doch im Endeffekt redet jeder nur von exzentrischen Typen in einer verrückten Welt.”
Tatsächlich ist “Thumbsucker” in seiner vordergründigen Harmlosigkeit zuerst irritierend, die Coming-of-Age-Geschichte von Justin kommt ohne riesige Abgründe und einen gravierenden Generationskonflikt aus. Die Charaktere sind alle viel zu hilflos und liebenswürdig, um wirklichen Ärger zu verursachen. Allesamt leben sie in einer Welt, die ihnen als einzigem Orientierungspunkt eine sehr diffuse Vorstellung von Glück bietet und in der menschliche Schwächen ein Problem darstellen. In einer der komischsten Szenen des Films wird Justin von seinem Kieferorthopäden empfohlen, sich eine mentale Stütze in Form eines Tieres zu suchen, dem “Power-Animal”. Hier gelingt es Mills auf entzückende Weise, das Besondere an seiner Hauptfigur zu verdeutlichen: “Das Power-Animal ist eines dieser New-Age-Klischees. Eigentlich sucht man sich dabei ein sehr mutiges, starkes Tier, z. B. einen Wolf. Aber Justin sucht sich ein kleines, niedliches Rehkitz aus, also ein Beutetier. Und das sagt viel über den ganzen Film aus, denn er ist ein Pro-Weakness-Film, der einen einlädt, seine Schwächen schätzen zu lernen.”
Ein Pro-Weakness-Film? Könnte das das Genre sein, auf das viele unsichere Filmnerds schon lange gewartet haben? Auf jeden Fall dann, wenn es derart subversiv zugeht wie hier. Nachdem das “Power Animal” seinen Zweck nicht erfüllt, lernt Justin Glück und Erfolg schließlich doch noch kennen. Dank Ritalin, einem Psychopharmazeutikum, das sich in den Staaten als gängige Behandlungsmethode gegen schulische Schwierigkeiten etabliert hat. Durch diese Droge wird Justin zum Star eines Debattierclubs, feiert bei landesweiten Wettbewerben große Erfolge und erkennt sich bald selbst nicht mehr. Man muss kein Szenekenner sein, um Justins absonderliche und komische Metamorphose als die eines klassischen Koksers zu identifizieren.
Mills bringt harte Realitäten wie diese so feinfühlig in der Story unter, dass der Film niemals seine warme und liebevolle Attitüde verliert. Das Leben in den Suburbs von “Thumbsucker” ist eben in erster Linie von Zärtlichkeit, Respekt und Zurückhaltung geprägt. Diese sonderbare Atmosphäre ermöglicht eine ganz besondere frische Komik, deren Pointen Mills immer nur andeutet und niemals ausspielt. Mit diesem eleganten Storytelling und absurden Humor ist ihm das Kunststück eines Familienfilms gelungen, der den Zuschauer mit einem guten Gefühl zurücklässt – ohne ihn dabei für dumm verkaufen zu müssen.
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