
Porco Rosso
J 1992
[R: Hayao Miyazaki; Universum Film]
18.09.2006, 08:11, Text:
arno raffeiner
Immer wieder erscheint in den Studio-Ghibli-Filmen Italien als ein Sehnsuchtsland und als malerische Kulisse für die poetischen Anime-Abenteuer der Charaktere von Hayao Miyazaki und Isao Takahata. Bei “Porco Rosso”, dessen Geschichte auf einem Manga Miyazakis basiert, paart sich diese Vorliebe mit der gleichfalls immer wieder ausgeschlachteten Begeisterung der Studio-Ghibli-Macher für alle Arten von Fluggeräten. Ein paar schnelle Flugzeuge, ein historisches Setting und eine Geschichte von Einsamkeit, Liebe und Heldentum geben zusammen genommen den Plot für einen in rasanten Bildern erzählten Film.
Dessen Hauptfigur ist Marco Paggot, ein tollkühner Flieger, der im Ersten Weltkrieg als italienischer Kampfpilot diente und dabei, selbst knapp am Rande des Todes, all seine Kameraden und Feinde ins Jenseits entschwinden sah. Marco bleibt allein und für immer beschädigt zurück, die Gräuel des Krieges muss er als psychische Last tragen, als einen Fluch, der ihn äußerlich in ein Schwein verwandelt hat. Dieses Trauma wird in den späten Zwanzigerjahren unter dem faschistischen Regime Italiens nicht mehr geduldet, stattdessen wird Marco als Individualist und Abweichler verfolgt. Der italienischen Luftwaffe hat er nach dem Krieg den Rücken gekehrt – “Ich bin lieber Schwein als Faschist” –, mehrere Haftbefehle werden gegen ihn erlassen, unter anderem wegen “unpatriotischen Schweineverhaltens”. Damit steht er endgültig außerhalb der Gesellschaft und verlegt sich darauf, als Kopfgeldjäger von einer einsamen Bucht am Mittelmeer aus mit seinem knallroten Wasserflugzeug Luftpiraten zu bekämpfen. Der Kriegsgeschädigte verwandelt sich in einen Solitär, einen Outlaw, der seine Hässlichkeit zum coolen Markenzeichen macht. Das ist Porco Rosso, das einsame rote Schwein der Lüfte.
“Porco Rosso” ist der Actionknaller unter den Studio-Ghibli-Anime (was nebenbei auch zeigt, dass Takahata und Miyazaki in anderen Genres doch etwas besser aufgehoben sind). Die sonst so häufig zentral verhandelten Themen Natur und Sinnsuche spielen hier kaum eine Rolle. Porco Rosso hat im Grunde mit dem Leben bereits abgeschlossen, ihn interessiert nur mehr der Nervenkitzel in Extremsituationen. Trotzdem klingen auch hier wieder, wenn auch deutlich leiser als sonst, melancholische Untertöne an. Diese nachdenkliche Seite in unserem Helden wird vor allem durch zwei starke Frauenfiguren in Schwingungen gebracht, durch Gina, die schöne Witwe eines ehemaligen Kameraden von Porco, und Fio, eine junge Flugzeugmechanikerin. Unter den Vorzeichen von Inflation und Wirtschaftskrise ist es auch ein rein weiblicher Familienverband, der Porcos Flugzeug nach einem Totalschaden repariert, damit der Macho sich mit einem amerikanischen Luftpiraten duellieren kann. Der finale Kampf wird dann doch Faust gegen Faust ausgetragen, die beiden verbeulen einander bis zur Unkenntlichkeit: Schweinekopf gleich Piratengesicht.
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