Hass – La Haine

F 1995

[R: Mathieu Kassovitz; D: Vincent Cassel, Hubert Koundé, Saïd Taghmaoui; Universal Pictures]

18.09.2006, 08:09, Text: Cay Clasen

Vergangenen Sommer schoss der französische Innenminister Sarkozy einen besonderen Bock – einen mit Migrationshintergrund. In der aufgeheizten Debatte um die brennenden französischen Banlieues wünschte er sich, diese von Krawallen erschütterten Vorstädte mit dem Kärcher durchzuputzen und so vom Abschaum zu befreien. Integration mit Hochdruck sozusagen. Regisseur Mathieu Kassovitz nahm sich der sozialen Brüche und des daraus erwachsenden Konfliktpotenzials bereits 1995 an und somit zugleich die Unruhen von 2005 vorweg. In “La Haine” schildert er 24 Stunden im Leben dreier Protagonisten, deren Alltag in der Tristesse der Cité, einer Trabantenstadt in der Pariser Peripherie, bestimmt wird von Gewalt, Drogen, HipHop und kleineren Scharmützeln mit der Polizei. Nachdem die Polizei im Verlauf einer Straßenschlacht ihren Freund Abdel ins Koma geprügelt hat, eskaliert die Gewalt ringsum. Vinz (Vincent Cassel), der die verloren gegangene Dienstwaffe eines Polizisten an sich genommen hat, schwört, sofern Abdel seinen Verletzungen erliegen sollte, die Bilanz auszugleichen, indem er einen Polizisten tötet. So wird bereits früh deutlich, dass sich die Spirale von Hass und Gewalt kaum aufhalten lassen wird und zumindest Vinz sich einen möglichen Ausweg schon verbaut hat.


Zusammen mit seinen Freunden Saïd (Saïd Taghmaoui), einem arabischen Kleindealer, und dem eher pazifistischen Hubert (Hubert Koundé) zieht er zunächst wie immer durch das trostlose, verwüstete und von Polizisten bewachte Viertel und beschließt dann, ins Pariser Zentrum zu fahren, um bei einem Bekannten von Saïd Schulden einzutreiben. Schnell wird deutlich, dass die drei Freunde ihrem Schicksal nicht entrinnen können und die Schatten der Vorstädte ihre steten Begleiter sein werden. Nachdem sie das Geld nicht bekommen, beginnt eine Odyssee, bei der sie u. a. an Skinheads geraten und Hubert und Saïd während eines Polizeiverhörs misshandelt werden. Als sie dann auch noch den letzten Zug verpassen, sind sie endgültig zu Gestrandeten in einer fremden Umgebung geworden. Über eine Monitorwand erreicht sie schließlich die Nachricht, dass Abdel gestorben ist, und das Unglück nimmt seinen vorherbestimmten Lauf. Die soziale Zeitbombe tickt augenscheinlich in den meisten Ländern Europas – in manchen nur etwas lauter als in anderen. Dieser Film fungiert aber dennoch nicht nur als Zeigefinger, der sich in die offene Wunde legt. Vielmehr gewährt Kassovitz mit “La Haine einen ungemein beklemmenden Einblick in das Leben der Vorstädte und ihrer Einwohner und schafft es zugleich, ein fesselndes, dichtes Portrait dieser Ausgestoßenen der französischen Gesellschaft zu zeichnen. Durch die grobkörnigen S/W-Aufnahmen entsteht zudem ein fast dokumentarischer Charakter – ein Eindruck, der durch den Einsatz von französischem und afrikanischem Rap, dem Soundtrack der Banlieues, noch verstärkt wird.



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aus Intro #143 (Oktober 2006)
 
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