Cinema 16

American Short Films

[Tim Burton, Peter Sollet, Maya Deren, Andy Warhol, Alexander Payne u. v. a.; Rough Trade]

18.09.2006, 08:07, Text: Oliver Minck, Oliver Minck

Nach den “British Short Films” und den “European Short Films” führt Cinema 16 das Erfolgsprojekt fort und wirft den Blick auf das Ursprungsland der Kinoindustrie. Thematisch gesehen verfolgt “American Short Films” kein übergeordnetes Konzept, sondern umfasst sieben Dekaden und streift verschiedenste Genres. Was alle 16 Filme eint, ist ihre Qualität. Ob Festival-Abräumer, Experimental-Film oder studentische Fingerübung eines Meisters in spe – fast jeder dieser Kurzfilme ist auf seine Weise stilbildend. Eigentlich als Bibel für jeden Filmstudenten geeignet, eröffnet diese DVD gerade auch dem Konsumenten einen wunderbaren Einblick in die Welt des Kurzfilms: Was alles drin ist, wenn man einer Idee genau die Zeit gibt, die sie benötigt, seien es nun drei oder 43 Minuten, und man sie nicht auf Teufel komm raus auf Spielfilmlänge dehnen muss. Zum Auftakt der DVD gibt es einen echten Knaller, “The Lunch Date” (1990) von Adam Davidson: Eine wohlhabende weiße Frau meint, ihr widerfahre Unrecht. Ein schwarzer Kerl hat sich an ihren Tisch gesetzt und stochert in ihrem Salat. Dass es sich dabei um ein großes Missverständnis handelt, geht der Dame erst ganz zum Schluss auf. “The Lunch Date” stellt unter Beweis, dass man als Filmemacher manchmal sogar auch Sozialpädagoge sein darf. Wenn man den richtigen Ton trifft und die richtigen Bilder findet.



Ebenfalls mit sozialem Anliegen, aber ohne pädagogischen Anspruch, ist “Five Feet High And Rising” (1999) von Peter Sollet: Sollet folgt einem 12-jährigen halbstarken Jungen aus der Lower East Side, der sich in ein deutlich älteres Mädchen verliebt hat und versucht, dieses mit offensichtlich unbeholfenem Imponiergehabe zu beeindrucken. Wunderbar anrührend und aufschlussreich zugleich. Unter den frühen Werken späterer Starregisseure ragen vor allem zwei Filme heraus: “Vincent” zeigt, dass Tim Burton schon 1982 (noch als angestellter Walt-Disney-Animator) seine ganz eigene ästhetische Welt im Kopf hatte. Die ausladenden, prägnanten Formen seiner Figuren, der düster-morbide Grundfeel: All das weist schon in “Vincent” auf echte Meisterschaft hin. Aus demselben Jahr stammt “The Disciple Of D.E.” von Gus Van Sant, eine Art Anleitung zur Perfektionierung alltäglicher Bewegungsabläufe, die ihren skurrilen Humor vor allem aus ihrer vordergründigen Ernsthaftigkeit zieht. Weit weniger ausgegoren, dafür aber historisch umso interessanter ist “Freiheit”, ein kurzer, verwackelter Studentenclip von George Lucas aus dem Jahre 1966. Geradezu bahnbrechend: “Daybreak Express” von D.A. Pennebaker, ein fünfminütiger Trip durch New York zu einem gleichnamigen Stück von Duke Ellington, der schon 1953 mit rasanten Schnitten und Kamerafahrten die Videoclip-Ästhetik der 90er-Jahre vorwegnahm. Und weil Ausfälle auf dieser DVD generell Fehlanzeige sind, darf an dieser Stelle guten Gewissens eine nachdrückliche Kaufempfehlung ausgesprochen werden.



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