Wholetrain

D 2006

[R: Florian Gaag; D: Mike Adler, Florian Renner, Elyas M’Barek, Jacob Matschenz; 05.10.]

23.09.2006, 11:00, Text: arno raffeiner

Verantwortungsbewusstsein. Ein schwieriges Wort für Jungs, die so sehr in ihrem eigenen subkulturellen Wertesystem gefangen sind, dass lästige Dinge wie Gesetze und die Androhung einer Haftstrafe oder auch nur bloßer Menschenverstand dagegen keine Chance haben. David, Tino und Elyas sind HipHopper, Sprayer genauer gesagt, und haben ihre Seelen in einer Mischung aus postpubertärem Trotz, Alternativlosigkeit und rigidem Ehrenkodex an Graffiti verkauft. Ihr großer Traum ist ein Wholetrain, ein kompletter, von vorne bis hinten und oben bis unten besprühter Zug, der mit ihren Motiven, Botschaften und Nametags durch die Stadt zieht. Das garantiert nicht nur den Sieg über die feindlichen Crews, sondern auch noch Fame ohne Ende. Der Weg zu diesem Traumziel ist natürlich denkbar beschwerlich und, wie sich in einer unerwarteten Wendung des Films hin zum Tragischen zeigen wird, ohne sinnlos große Opfer gar nicht zu schaffen. It’s like a Jungle, sometimes müssen sich die Jungs durchs Gehölz schlagen, unter Züge werfen, kartonweise Spraydosen klauen oder den Turnunterricht schwänzen und ihre Eltern belügen, um im permanenten Wettstreit um freshe Styles und bemalte Waggons nicht völlig ins Hintertreffen zu geraten. Davids auf Bewährung ausgesetzte Haftstrafe und die omnipräsente, oft schon in Paranoia umschlagende Bedrohung durch die Exekutive sind dabei nicht gerade hilfreich, und der Battle gegen die rivalisierende Crew wird oft genug nicht nur als kultureller Wettkampf, sondern direkt mit den Fäusten ausgetragen.


Schnelle Schnitte, wackelnde Kamera, fette Beats und Spliffs: Etwas zu eindeutig setzt Regisseur und Drehbuchautor Florian Gaag, der auch den gesamten Soundtrack mit namhaften Features von KRS One, Afu-Ra und anderen produziert hat, mit “Wholetrain” auf die quasi zwangsläufig bedienten Mechanismen des Genrefilms. So wie seine (Anti-) Helden in den Ehrenkodex der Sprayer verstrickt sind und nicht rauskönnen, so steckt seine Geschichte im Korsett einer stereotypen, hektischen Bebilderung, im Sprachklischee der möglichst oft “Mann”, “Alter” und “Burner” runterratternden Protagonisten – die natürlich ausschließlich männlich sind. Der Männerverband erscheint als unausweichliche Schicksalsgemeinschaft von Outlaws, Frauen treten in marginalen Rollen bloß als Problem-Macherinnen bei One-Night-Stands und deren Folgen auf oder als stumme Trauergemeinde. Irgendwie spürt man beim Zusehen, dass das nicht lange gut gehen kann, und auch David als etwas umsichtig gezeichneter Patriarch seiner Crew weiß das, doch er kann den Lauf der Dinge nicht anhalten. Das Drama passiert, der Wholetrain rollt schließlich als gespenstisches Mahnmal durch die Stadt.

Viel Klischee also. Aber wenn andererseits die Polizei beim Verhör so aufgeblasen rüberkommt, als wäre sie Schwerkriminellen oder gar der Mafia auf der Spur, ist das wohl nicht nur Inszenierung, sondern leider nicht allzu weit von der tristen Wirklichkeit entfernt.



Artikel kommentieren
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 

DVD-EMPFEHLUNGEN

Das neue Fernsehen - Neu auf DVD & Blu-ray

Das neue Fernsehen

Neu auf DVD & Blu-ray
... mehr



 
Anzeige
 
DIE FILMSTARTS DER WOCHE
Drive - Und weitere Filmstarts und Trailer der Woche

Drive

Und weitere Filmstarts und Trailer der Woche
... mehr

 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]