
Shortbus
USA 2006
[R: John Cameron Mitchell; D: Sook-Yin Lee, PJ DeBoy, Paul Dawson, Justin Bond, Bitch; 19.10.]
18.09.2006, 06:00, Text:
Jan Kedves,
Jan Kedves
John Cameron Mitchell ist so etwas wie eine wandelnde Mutprobe. Erst dreht er mit “Hedwig And The Angry Inch” ein – zweifellos großes – Musical über eine transsexuelle ostdeutsche Rockröhre, danach produziert er “Tarnation”, ein autobiografisches Schnipselstück über Schizophrenie. Und jetzt setzt er sich das Schwierigste überhaupt in den Kopf: Sex unverkrampft und unverfälscht auf die Leinwand zu bringen. Als ob daran nicht schon genug Regisseure gescheitert wären. Zugegeben, in letzter Zeit gab es mit “Lie With Me”, “Ken Park” oder “9 Songs” durchaus Filme, die Explizites vor der Kamera einigermaßen passabel hinbekamen, ohne gefürchtete Porno-Klischees zu reproduzieren. Mitchell allerdings beruft sich für “Shortbus”, sein neues Werk, statt auf zeitgenössische Filme auf Frank Ripplohs “Taxi zum Klo” (1981), der von den wenigen, die ihn kennen, als Klassiker verehrt wird.
In “Shortbus” verfolgt Mitchell denn auch gleich ein aufklärerisches, ja, politisches Anliegen: Sex gleichberechtigt in all seinen Spielarten zu zeigen: hetero, homo, bi, Autoerotik, S/M, Voyeurismus usw. So kann es in der lose verknüpften Geschichte einer Hand voll normal neurotischer New Yorker, deren Leben sich in diversen Improvisationsstadien befinden, durchaus passieren, dass eine Transgender-Frau einer “echten” Frau den Mythos des weiblichen Orgasmus’ erklärt oder dass man ein Schwulentrio dabei beobachtet, wie es während eines Dreiers seine Schwänze spontan für eine “Star Spangled Banner”-Einlage zu Mikrofonen umfunktioniert. Episoden, die jeweils kleine Fortschritte auf dem Weg darstellen, New York – diese von der Aids-Krise und von 9/11 geschüttelte, sprich: von einer monumentalen libidinösen Blockade heimgesuchte Stadt – sexuell zu entfesseln. Als Keimzelle dieser Befreiung dient dabei der Shortbus, ein Privatsalon, in dem man je nach Laune entweder Gruppensex haben oder drei Stunden lange Gertrude-Stein-Dokumentationen sehen kann.
Keine Frage: John Cameron Mitchell hat Talent dafür, Mitmacher zusammenzutrommeln. Yo La Tengo liefern den schönen Score, in einer kleineren Nebenrolle sieht man JD Samson (Le Tigre), Justin Bond vom New Yorker Performance-Duo Kiki & Herb spielt den/die ZeremonienmeisterIn. Dazu noch zahlreiche “Sextras” für die Orgienszenen. Doch dass für die sexuellen Probleme der Figuren Metaphern bemüht werden, die klischeehafter kaum sein könnten, wird zur Geduldsprobe: Mit anzusehen, wie Sofia, eine Sextherapeutin, die selbst peinlicherweise noch nie einen Orgasmus hatte, ebendiesen dann ausgerechnet an einem Strand erleben möchte, erregt von den Wellen der nahenden Flut, tut schon ziemlich weh; und dass für die sexuelle Blockade New Yorks kein anderes Bild gefunden wurde als das des Totalstromausfalls, dem man im Shortbus mit einem Meer warm lodernder Kerzen kontert, ist eigentlich noch gruseliger. Als Zuschauer sollte man also besser ein ausgeprägtes Faible für Esoterik und Hippie-Kitsch mitbringen.
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