Brick

USA 2006

[R: Rian Johnson; D: Joseph Gordon-Levitt, Nora Zehetner, Lukas Haas, Noah Fleiss, Matt O’Leary; 21.09.]

18.09.2006, 06:00, Text: Calle Claus, Calle Claus

Philip Marlowe hat seinen Hut und seinen Trenchcoat abgelegt. Er hat unreine Haut, müsste dringend mal wieder zum Friseur und trägt eine grausam unmodische Brille. Seine Mitschüler strafen ihn im besten Fall mit Nichtbeachtung.

Jungregisseur Rian Johnson verpflanzt in seinem fulminanten Kinodebüt Elemente des Film noir in eine kalifornische Highschool und schafft so einen der spannendsten Genre-Spagate der letzten Jahre. Der Film erzählt von Brendan Frye (Joseph Gordon-Levitt), einem unscheinbaren Außenseiter, der eines Tages die Leiche seiner Ex-Freundin Emily (Emilie de Ravin) in einem Kanalisationskanal entdeckt. Kurz zuvor hatte sie ihm am Telefon panisch mitgeteilt, dass ein gewisser “Pin” ihr wegen eines “Brick” nach dem Leben trachte. Brendan setzt alles daran, ihre mysteriösen Worte zu entschlüsseln, und beginnt in seiner Schule zu ermitteln. Dabei dringt er immer tiefer in einen morbiden Mikrokosmos aus exklusiven Partys, unnahbaren Frauen und ominösen Drogendeals ein. Johnson nahm sich die klassischen Detektivromane Dashiell Hammetts zum Vorbild – “The Maltese Falcon” (1941) und “The Big Sleep” (1946) sind seine filmischen Leitbilder. Statt des üblichen, mit unzähligen “likes” und “totallys” durchsetzten Einheitsslangs wird an dieser Schule eine coole, sehr pointierte Kunstsprache gesprochen, die streng an den klassischen “hard boiled”-Detektivfilmen geschult ist.


Hauptdarsteller Levitt sieht aus, als ob er im Kampf Mann gegen Mann nicht den Hauch einer Chance hätte. Tatsächlich hat man lange keinen Helden mehr gesehen, der in 100 Filmminuten so oft und so übel die Fresse poliert bekommt wie “private dick” Brendan. Doch er ist viel cooler, als er aussieht. Auch mit zugeschwollenem Gesicht immer noch ein Bonmot parat. Wenn ihm schließlich, nach hartnäckigem Insistieren, der ominöse Schul-Pate Pin (Lukas Haas) eine Audienz am elterlichen Küchentisch gewährt und dessen gänzlich ahnungslose Mutti den beiden dazu ein frisches Glas Apfelsaft “Country-Style” einschenkt, erweist sich das Konzept auch als Füllhorn umwerfend komischer Momente. Diese werden aber sparsam dosiert, denn Johnson nimmt seine Figuren durchaus ernst.

Die Highschool erweist sich als perfekte Metapher für eine verdorbene, korrupte Welt. Statt die Schulzeit aus dem ironisierenden Blickwinkel von jemandem zu betrachten, der sie bereits hinter sich gelassen hat, zeigt der Film Menschen, deren Leben gänzlich von der hier herrschenden Logik bestimmt wird. So ist denn der etwas konstruiert wirkende Plot am Ende auch eher nebensächlich. Johnson bringt es auf den Punkt: “Hammett wurde einmal gefragt, ob Sam Spade auf einem realen Detektiv basiere. Er verneinte: Spade basiere darauf, wie jeder reale Detektiv gerne wäre. Ähnlich würde ich das Verhältnis meines Films mit der Highschool beschreiben. Ich zeige nicht, wie es in der Highschool ist. Ich zeige, wie sich die Highschool anfühlt.”



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aus Intro #143 (Oktober 2006)

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