
Federico Fellini
Poetische Fluchten
21.08.2006, 06:00, Text:
Martin Büsser
Seine Sympathie galt den Clowns, den Gauklern und der Poesie. Sie waren für Fellini die letzten Reste einer lebbaren Utopie. Dieser Ansatz einer “sanften Subversion” unterschied Fellini von der Unerbittlichkeit, mit der sein Kollege Pasolini die politische Revolution einklagte. Dass beide Regisseure sehr ähnlich angefangen haben, nämlich als strenge Vertreter des italienischen Neorealismus, lässt sich nun dank der DVD-Veröffentlichung von Fellinis viertem Film, “Die Müßiggänger” (1953), nachprüfen. Mit unspektakulär distanziertem Blick portraitiert Fellini eine Gruppe junger Intellektueller in einer italienischen Kleinstadt, die sich alle Mühe geben, der kleinbürgerlichen Umgebung zu entfliehen, und doch gleichzeitig ahnen, dass auch sie bald den Zwängen des Alltags erliegen werden. Am deutlichsten bekommt dies Fausto zu spüren, der ungewollt Familienvater geworden ist. Wer Fellini aufgrund seiner späten Filme als burlesken Träumer abgetan hat, wird nach diesem stillen, realistischen Film sein Urteil revidieren müssen.
Auch “Die Schwindler” (1955), dessen Drehbuch auf einem authentischen Fall basiert, enthält noch stark neorealistische Züge. Der Film über einen ins Alter gekommenen Verbrecher, der Reue empfindet, als er ein gelähmtes Mädchen betrügen soll und dafür von seinen Komplizen brutal zusammengeschlagen wird, macht auf angenehme Weise den entscheidenden Unterschied zwischen Moral und Moralisieren deutlich. Und noch ein Vorurteil gegenüber Fellini kann dank DVD-Wiederveröffentlichung von “Julia und die Geister” (1965) abgebaut werden: Reduzierte Fellini in “Stadt der Frauen” (1980) seine Frauenrollen konventionell auf Heilige, Huren und verstockte Feministinnen, so war ihm mit seinem ersten Farbfilm das sensible Portrait einer Frau gelungen – gespielt von Giulietta Masina –, die unter ihrem öden Eheleben leidet. Sie sucht Flucht und Trost in spiritistischen Sitzungen, während derer Geister ihr raten, ihren Mann zu verlassen. So sehr man auch hier die Gleichsetzung von Weiblichem und Irrationalem kritisieren mag, gehört Fellinis Sympathie doch eindeutig seiner Protagonistin und nicht deren Gatten. Fellinis Hang zur Poesie resultiert aus seiner Langeweile gegenüber dem Profanen. Die Stärke seiner besten Filme besteht darin, dass er uns beides zeigt, den kargen Realismus und die Möglichkeit zur Flucht.
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