
Jonathan Demme / Neil Young: Heart Of Gold
Traum und Transzendenz
21.08.2006, 06:00, Text:
Sascha Seiler
Das wahre Kunstwerk, so Theodor W. Adorno, sei nur aufgrund seiner Aura als solches zu identifizieren. Die populäre Kultur betreibe eine konsequente Zertrümmerung dieser Aura zum Zweck einer Gleichschaltung des Konsumenten im Geiste der Marktwirtschaft. Nun haben sich Adornos Theorien zur populären Kultur ja dank einer Diversifizierung in der Ästhetik und Wahrnehmung als populär bezeichneter Kunstwerke überholt, jedoch ist es interessant festzustellen, wie wenig der Theoretiker der Frankfurter Schule prophetisch begabt war. Schaut man sich nämlich Jonathan Demmes Musikfilm “Heart Of Gold” an, so kann von Entauraisierung der Kunst keine Rede sein. Vielmehr hat es in den letzten Jahren im Kontext der Verbindung von Musik und Bild selten ein inspirierteres Werk gegeben als diesen zurückhaltenden Film.
Die Vorgeschichte beinhaltet bereits einen “tragischen” Subtext: Neil Young, der gerade erfahren hatte, dass sein bösartiger Gehirntumor sofort operativ entfernt werden müsse, begab sich ins Studio, um mit der Country-Besetzung seines Folk-Klassikers “Harvest” aus dem Jahre 1972 ein neues Album voller retrospektiver Blicke auf ein vielleicht schon bald vergangenes Leben aufzunehmen. Der “Prairie Wind” wehte den Geist seines jüngst verstorbenen Vaters durch Youngs sentimentale Country-Songs, die sich jedoch auf Platte irgendwie nicht so recht entfalten wollten. Vielleicht, so kann gemutmaßt werden, liegt es ja an unseren vergänglichen Zeiten, in denen niemand mehr die Muße hat, ein ruhiges, reflektierendes, unspektakuläres Album anzuhören.
Jonathan Demme jedenfalls nahm sich diese Zeit und erarbeitete mit Neil Young kurz nach dessen gelungener Operation das Konzept eines “Traumkonzerts”, bei dem der Musiker, seine Freunde und seine Familie im legendären Ryman-Auditorium in Nashville das Album und als Zugabe einige Klassiker aus dem Young-Katalog inszenieren sollten. Zuschauer waren zwar vor Ort, weil man kurzfristig über einen lokalen Radiosender Karten verloste, doch legt Demme Wert darauf, dass dieses Konzert als solches niemals wirklich stattgefunden hat, weil es lediglich für die Kameras inszeniert wurde. “Die Texte und die Musik drücken so viel aus, dass es sehr schwierig war, dafür die adäquate filmische Umsetzung zu finden”, so Jonathan Demme. “Sollte ich einfach auf ein Konzert von Neil gehen und dieses filmen? Das würde dem Thema der Platte nicht gerecht werden. Also schlug ich vor, alles zu inszenieren. Das Bühnenbild, die Kostüme, die Kombination von Musikern – das alles ist nur für diesen einen Auftritt, dieses Traumkonzert entstanden. Nur so konnte die Synthese von Neils Musik, seinen Texten und meinen Bildern gelingen.”
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