Sommer vorm Balkon

D 2005

[R: Andreas Dresen; D: Inka Friedrich, Nadja Uhl, Andreas Schmidt; X-Filme / Warner]

09.09.2006, 06:00, Text: Sascha Seiler

Andreas Dresen hat sich als Regisseur eines neuen, ostdeutschen Realismus einen Namen gemacht; Plattenbaufilme könnte man etwas boshaft sagen, und tatsächlich fühlt man sich bei Dresen erst dann daheim, wenn die ersten sozialistischen Betonblöcke auftauchen. Vielleicht wirkte auch aus diesem Grund das letzte Werk des Regisseurs, die Romanverfilmung “Willenbrock”, ein wenig zu glatt, zu kalkuliert: Dresen hatte sein angestammtes Milieu verlassen und eine psychologisierende Geschichte über den menschlichen Drang nach Sicherheit erzählt. Zu sagen, dass er mit “Sommer vorm Balkon” wieder in die düstere Welt ostdeutscher Plattenbau-Tristesse zurückkehrt, würde diesem sehr humorvollen Film aber nicht gerecht werden.

Nun ist der Humor in Andreas Dresens Filmen schon immer unterschätzt worden, denn bereits ein recht düsteres Sozialdrama wie “Die Polizistin” glänzte nicht zuletzt aufgrund seiner aus Alltagssituationen entspringenden Komik, vom Improvisationstheater “Halbe Treppe” ganz zu schweigen. “Sommer vorm Balkon” könnte man schon fast als Komödie bezeichnen, wären da nicht von Anfang an die subtilen, verzweifelten Zwischentöne in der Zeichnung der Figuren und würde der Film nicht nach der Hälfte ins Tragische kippen. Eine Tragikomödie? Wahrscheinlich wäre dieses schwierigste aller dramatischen Genres die richtige Ortung für Dresens Kammerspiel.


Die Handlung ist dabei recht übersichtlich: Die Freundinnen Katrin und Nike verbringen ihren Sommer auf dem Balkon ihrer Berliner Hochhaus-Wohnung und philosophieren über das Leben und ihr Single-Dasein. Katrins Lage als allein erziehende Mutter mit Alkoholproblem ist zwar recht dramatisch, doch Dresen gelingt es, sein Figuren mit so viel Wärme zu zeichnen, dass man richtig zu spüren bekommt, wie sie dem Leben trotzen. Das ist im ersten Moment auch äußerst locker und lustig erzählt, vor allem, als der proletige Trucker Ronald in Nikes Leben tritt und sich bei ihr häuslich niederlässt, eigentlich aber eher scharf auf Katrin, ja, eigentlich auf alle Frauen in seiner Umgebung ist. Andreas Schmidts Darstellung des dumpfen Proleten ist so phänomenal, dass man sich fragt, ob der sowieso auf derartige Charaktere spezialisierte Schmidt vielleicht auch im wahren Leben so ist. Hoffentlich nicht, mag man sich denken. Schmidt macht mit seinem Spiel sogar das Fehlen von Dresens Stammhauptdarsteller Axel Prahl wett, der wohl andere Verpflichtungen hatte, aber zumindest als Statist in einer Kneipenszene zu sehen ist.

Das Faszinierendste an “Sommer vorm Balkon” ist aber, wie es Dresen gelingt, aus seiner Ecke des harten Sozialrealismus auszubrechen, seinen Themen und Figuren aber dennoch treu zu bleiben. Erstmals gelingt es dem Regisseur, bei aller Härte des Stoffes einen Film leicht und konsumentenfreundlich zu gestalten, ohne an Anspruch einzubüßen. Darüber hinaus wirken seine Figuren komisch, ohne dass Dresen sie der Lächerlichkeit preisgeben würde. Ein eingeschlagener Weg, der auf jeden Fall beibehalten werden sollte.



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