
Thank You For Smoking
USA 2006
17.08.2006, 06:00, Text:
Martin Riemann
Nachdem Hollywood die Lebensbedingungen von Cowboys, Seeräubern, verrückten Wissenschaftlern, Serienkillern, Polizisten und Privatdetektiven hinlänglich ausgeleuchtet hat, präsentiert uns “Thank You For Smoking” eine brandneue Berufsgruppe: den Pressesprecher.
Genau das macht der klebrige Sunnyboy Nick Naylor (Aaron Eckhart), “um seine Hypothek zu bezahlen”, wie er es ausdrückt. Allerdings vertritt er dabei eine etwas heikle Institution, nämlich die Tabakindustrie. Das erfordert in einem ständig empörungsbereiten Land wie den USA offensichtlich nicht nur eine gewisse Form gedanklicher Dreistigkeit und die Fähigkeit, seinen Gegnern das Wort im Munde herumzudrehen, man muss auch damit leben können, für den Tod von Millionen Unschuldiger verantwortlich gemacht zu werden.
Im dokumentarisch angehauchten Kolportagestil erzählt Naylor selbst von seinem Job (reden), von seiner Leidenschaft (reden) und von seinen Schwächen (reden). Man erfährt etwas über die Beziehung zu seinem Sohn, dem Naylor eifrig Nachhilfe im Tatsachen-Verdrehen gibt, sein Verhältnis zu einer skrupellosen Journalistin (unglaubwürdig wie eh und je: Katie Holmes), einen Mordanschlag von Gesundheitsterroristen und einen Stammtisch namens Merchants Of Death (M.O.D.), wo sich zu Naylor die Pressesprecher der Alkohol- und Waffenlobby gesellen, um mit ihren jeweiligen Opferzahlen zu prahlen.
Auch die Politik kommt in Form des ehrgeizigen Senators Finistirre (William H. Macy) zu Wort. Dieser beabsichtigt, das Rauchen stärker zu geißeln, beißt sich aber am neunmalklugen Naylor ständig die Zähne aus. Um das schlechte Image der Zigaretten zu verbessern, gelingt es Naylor nämlich immer wieder, die Besorgnis seiner Geldgeber um die Gesundheit ihrer Kunden glaubhaft zu demonstrieren. Darüber hinaus plant er einen Millionendeal mit Hollywood, der dazu führen soll, dass endlich die Guten auch wieder rauchen.
Wie man sieht, vollführt Jason Reitman in seinem Debüt einen Rundumschlag gegen die Doppelmoral der amerikanischen Medienwelt und ihren Umgang mit einer Wahrheit, die nur so viel wert ist wie das Gehalt von dem, der sie verbreitet. Dabei wird ein Einblick in die Mechanismen der berüchtigten Lobbyarbeit gewährt, sodass man “Thank You For Smoking” als einen heiteren Edutainmentfilm über den Umgang mit Informationen bezeichnen könnte. Einiges wird dem hiesigen Zuschauer weniger gewagt und skandalös erscheinen als den Darstellern dieser Satire, deren Begeisterung, endlich mal was richtig Unkorrektes machen zu dürfen, an allen Ecken und Enden durchsprüht. Diese Spielfreude ist vor allem den ausgeklügelt witzigen Dialogen zu verdanken, die einem manchmal allerdings das Gefühl vermitteln, einem Rhetorikkurs für Machiavellisten beizuwohnen.
Bemerkenswert ist die völlig untypische Charakterentwicklung des Helden, der, statt sich vom Saulus zum Paulus zu wandeln, einfach feststellt, dass er genau diesen Job und keinen anderen machen möchte. In diesem Sinne ist dieser Film über Lug und Trug jedenfalls grundehrlich und verliert mit seinem collagenhaften Aufbau selten an Schwung – auch wenn die zentrale Vater/Sohn-Beziehung zum Schluss irgendwie ins Leere läuft.
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