Valeska Grisebach

Sehnsucht

[Liebeslernen]

21.08.2006, 06:00, Text: arno raffeiner

So erleichtert und zutiefst gerührt hat man im Kino vermutlich noch nie einem Hasen beim Mümmeln zugesehen. Wenn dieses putzige Knäuel Fell hier derart selbstvergessen, derart zufrieden Salatblätter in sich hinein befördert und einfach nur lebt, dann muss doch eigentlich alles wieder gut werden. Zack – einer dieser harten, lauten Schnitte: Ein Knall, ein Mann wird hintenüber vom Hocker geschleudert, ins Herz getroffen. Die Überdosis Gefühl, die ihm verabreicht wurde, konnte es einfach nicht aushalten.

Ganz am Ende von Valeska Grisebachs zweitem Spielfilm “Sehnsucht”, im Abspann nämlich, übernimmt ein weiteres Tier die Hauptrolle. “Ich möchte ein Eisbär sein”, leiert der altbekannte Schlager von Grauzone, “dann müsste ich nicht mehr schrei’n, alles wär’ so klar.” Grisebachs Protagonist Markus ist wie dieser Eisbär: Ein starrer Koloss, Schlosser und Mitglied der freiwilligen Feuerwehr im brandenburgischen Dörfchen Zühlen, der aussieht, als könnte nichts in ihn dringen und als käme nie etwas anderes aus ihm heraus als eine mürrische handwerkliche Expertenmeinung. Doch innerlich kämpft Markus einen Kampf für und zugleich gegen seine Gefühle. Er wird von einer Sehnsucht übermannt, die wie aus dem Nichts Wirklichkeit wird und genau deshalb doch nicht gestillt werden kann. In seine wie versteinert stets unter die Schneidezähne gefressene Oberlippe ist die entscheidende Frage gebissen: Wie kommt man von hier wieder zurück ins Vorher?


Markus durchlebt mit seiner Ehefrau Ella und der Kellnerin Rose – in ihrer Lakonik und ihrer Ratlosigkeit dem mit ihnen Geschehenden gegenüber unwahrscheinlich eindringlich gespielt von den LaiendarstellerInnen Andreas Müller, Ilka Welz und Anett Dornbusch – seine Version von der ewigen Dreiecksgeschichte. In manchen Momenten ist es beinahe erschreckend, wie illusionslos Valeska Grisebach mit den Illusionen, mit den großen Gefühlen ihrer Figuren umzugehen vermag. Und dabei doch genau das wiederum filmisch in eine Sprache gießt und es beinahe bis zum Impuls des Wegschauens echt auf die Leinwand bringt: Liebe, Eifersucht, Verzweiflung. Diese Leistung hat mit ihrer intensiven Recherchearbeit zu jedem Filmstoff – vor der Arbeit am Drehbuch für “Sehnsucht” führte sie an die 200 Interviews – ebenso zu tun wie mit ihren Erfahrungen als Dokumentarfilmerin. Grisebach: “Dokumentarfilme sind eine unheimlich gute Schule für Spielfilme, um ein szenisches Verständnis zu entwickeln und um zu gucken: Wie funktioniert das, wie entsteht plötzlich eine Situation? Oder: Wie reden Leute miteinander? Und – das hört sich so pathetisch und kitschig an – aber es gibt wirklich einen Moment beim Dokumentarfilm, der mich immer wieder unheimlich berührt. Dass man da eine Kamera hinstellt, und da sitzt jemand vor der Kamera, und plötzlich scheint die Sonne, und hinten fährt noch jemand mit dem Fahrrad vorbei, und plötzlich ist eine Stimmung da, so was wie ein Augenblick oder ein kleiner Ausschnitt einer Biografie oder eines Ortes. Ich fand diese Verbindung von Dokumentar- und Spielfilm und die Frage, wie man solche Momente in einen Spielfilm transportieren kann, immer interessant.”

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