Wahre Lügen

CDN/GB 2005

[R: Atom Egoyan; D: Kevin Bacon, Colin Firth, Alison Lohman; Concorde]

17.07.2006, 08:00, Text: Martin Büsser, Martin Büsser

Lanny (Kevin Bacon) und Vince (Colin Firth) waren einmal ein unzertrennliches Duo im Showgeschäft. Doch eines Tages findet man eine Frauenleiche in ihrem Hotelzimmer. Das Alibi der beiden Showstars ist makellos, aber das ebenso makellose Image, das sich die beiden aufgebaut haben, beginnt zu bröckeln. Schließlich handelt es sich um zwei Vorzeige-Stars der biederen 1950er Jahre, die Fernsehshows für kranke Kinder gaben – wie einst Jerry Lewis und Dean Martin, an deren Karriere der Plot angelehnt ist.

Jahre später liest die Journalistin Karen (Alison Lohman) die Memoiren von Vince Morris und entschließt sich, den Fall wieder aufzurollen.

Als Kind war sie selbst zu Gast in dessen Fernsehshow und begibt sich mit ihrer Recherche auf die Spurensuche nach einem ehemaligen Idol. Ihre Nachforschungen werden zu einem Verwirrspiel: Mehrere Versionen der Geschichte überblenden sich ebenso wie die Zeitebenen, mit denen Egoyan in seinem „stylishsten“ Film seit „Exotica“ spielt. Von der Machart erinnert „Wahre Lügen“ – basierend auf dem Roman „Where The Truth Lies“ von Rupert Holmes – an David Lynchs „Mulholland Drive“. Der Film, „in dem sich die unterschiedlichsten Erzählebenen und Zeitsprünge labyrinthisch verschachteln und hinreißend unübersichtlich ineinander schieben“, wie Rüdiger Suchland im Filmdienst schwärmte, bleibt allerdings auch ähnlich mysteriös wie die meisten Arbeiten von Lynch. Egoyan, seit jeher ein großer Mystiker, spielt mit der alten Idee, dass Wahrheit eine Konstruktion ist. Nirgendwo lässt sich dies besser festmachen als an der oberflächlichen, verlogenen Glam-Welt von Hollywood. Aber wussten wir das nicht längst? Was will uns der Film vermitteln, in dem es um latente Homosexualität geht, die Verstrickung des Showgeschäfts mit dem organisierten Verbrechen und auch ein wenig um politische Verschwörungstheorien in Zeiten des Kalten Krieges? Dass Hollywood eben doch „Hollywood Babylon“ ist, wie Kenneth Anger es einst mit seinem gleichnamigen Buch zu enthüllen versuchte? Nährt der Film damit nicht zugleich jene Ressentiments, die christliche Fundamentalisten immer schon gegenüber dem glamourösen Showgeschäft hatten? Ein wesentliches Problem des Films ist der Versuch Egoyans, sich von außen einer Sache zu nähern, deren Teil er doch ist. In der Annahme, er könne als Autorenfilmer mit den Mitteln Hollywoods einen entlarvenden Film über das „Prinzip Hollywood“ drehen, gelingt Egoyan lediglich „der gescheiterte Versuch, Arthouse und Mainstream zugleich zu sein“, wie Julian Weber in Konkret anmerkte. Dem Kino ist es nun einmal nicht möglich, ein „Außen“ des Films herzustellen. Darum sind auch Egoyans Frauenfiguren mit Hang zur Femme fatale immer beides zugleich, ironischer Kommentar auf die vom Film produzierten Mythen und Klischees wie auch deren notgedrungene Fortschreibung. Wenn auch Egoyans Intention, Mythen zu dekonstruieren, gescheitert sein mag, handelt es sich formal doch um einen höchst anregenden Film, angelegt wie ein Puzzle, für den das Medium DVD mit Vor- und Rückspieltaste wie geschaffen ist.



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aus Intro #141 (August 2006)
 
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