Out Of The Blue

USA 1980

[R: Dennis Hopper; D: Linda Manz, Dennis Hopper, Raymond Burr; Koch Media]

17.07.2006, 08:00, Text: Martin Büsser

In der ZDF-Dokumentation „The House Of The Rising Punk“ behauptet Legs McNeil, einst Herausgeber des legendären Punk-Fanzines, dass es Phänomene „wie die ‘Simpsons’ oder ‘Eine schrecklich nette Familie’ nicht gegeben hätte, wenn es nicht zuerst Punk gegeben hätte“. Die Geisteshaltung von Punk hat nach McNeil überhaupt erst eine Totalablehnung jeglicher Autorität ermöglicht – erst nach Punk war es denkbar, Werte wie die Familie zu zertrümmern, ohne gleichzeitig eine Moral oder Alternative mit ins Spiel zu bringen. Dasselbe gilt für eine spezielle Form des US-amerikanischen Indie-Films der 1990er und 2000er, nämlich die der „Suburban Nightmare Movies“ von Regisseuren wie Harmony Korine („Gummo“), Tod Solondz („Welcome To The Dollhouse“) und Larry Clark („Ken Park“).

Nicht nur, dass all diese Regisseure eine starke Affinität zu Punk hatten oder haben (Larry Clark tritt am Ende von „Ken Park“ in einer Nebenrolle auf, auf seinem Oberarm ist eine Tätowierung in deutscher Sprache zu sehen: „Punk Rock ist nicht tot“); auch die Haltung ihrer Filme wird von einem allumfassenden „Fuck you“ bestimmt, das wie ein visueller Nachhall dessen wirkt, was Bands wie Black Flag und The Germs einmal mit ihrer Musik formuliert hatten.

Eines der ersten dieser „Suburban Nightmare Movies“ wurde bereits zu Zeiten des Punk gedreht: Mit „Out Of The Blue“ lieferte Dennis Hopper einen ätzenden Abgesang auf die vorstädtische Kleinfamilie, dessen Protagonisten knietief im „White Trash“ versinken. Die Hauptrolle des Teenagers Cindy Barnes, genannt CeBe, wird von Linda Manz gespielt, die Harmony Korine 17 Jahre später noch einmal für „Gummo“ vor die Kamera holte, wo sie die Mutter des Protagonisten Solomon spielt. Während „Gummo“ jedoch eine Groteske auf ein völlig derangiertes Amerika liefert, bleibt Hopper bitterernst. In „Out Of The Blue“ gibt es nichts zu lachen. CeBes Vater, von Hopper gespielt, ist Alkoholiker, der nach einem Gefängnisaufenthalt einen miesen Job als Baggerfahrer auf der Müllhalde annimmt, ihre Mutter ist ein mannstoller Junkie. CeBe sucht derweil Halt in der Musik, erst bei Elvis, später im Punk. Stück für Stück zeigt „Out Of The Blue“ die Entwicklung eines durchschnittlichen Teenagers hin zur Punkerin. Am Ende, als CeBe ihren Vater ersticht und sich mit ihrer Mutter in die Luft jagt, ist sie mit einer Sicherheitsnadel in der Wange zu sehen. Im Abspann läuft einer der besten Songs, die Neil Young je geschrieben hat: Die Zeilen „The king is gone but he’s not forgotten / This is the story of Johnny Rotten“ korrespondieren mit CeBes Wandlung vom Elvis- zum Pistols-Fan. Dennis Hopper hat den Slogan „No future“ beim Wort genommen und zeigt mit offener Sympathie für seine Protagonistin, dass die Destruktion von Punk nur die logische Konsequenz einer selbstzerstörerischen Gesellschaft ist. Solche Filme wollte damals niemand sehen, weder in den USA noch anderswo. Ohne Moral, ohne Hoffnung, ohne Ausweg. Ein Geniestreich an Unerbittlichkeit.



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