
Der freie Wille
D 2006
[R: Matthias Glasner; D: Jürgen Vogel, Sabine Timoteo, André Hennicke, Manfred Zapatka; 24.08.]
17.07.2006, 08:00, Text:
arno raffeiner,
arno raffeiner
Was kommt raus, wenn ein krankhafter Vergewaltiger und eine von ihrem Vater missbrauchte junge Frau von einem Drehbuch in eine Liebesgeschichte gezwungen werden? Im schlechteren Fall psychologische Fingerübungen und voyeuristischer Schund, im besseren ein wirkungsmächtiger Film. „Der freie Wille“ mit Jürgen Vogel und Sabine Timoteo in den Hauptrollen schafft es zum Glück in die zweite Kategorie.
Bei dem behandelten Thema sind inhaltliche Fragwürdigkeiten oder zumindest Kontroversen vorprogrammiert, aber „Der freie Wille“ macht vieles richtig. So ist es bewundernswert, wie stark der Film sein Publikum zu treffen vermag und dabei die Figuren, bei aller unangenehmen Nähe und Deutlichkeit, doch immer auf großer emotionaler Distanz hält.
Im Grunde erzählt der Film seine Geschichte nicht – er gibt psychologische Zustandsbeschreibungen, radikal alternativlos. Ein geisterhaftes Setting. Der Vergewaltiger Theo funktioniert wie ein Automat, bei dem, mit dem maßgeblichen Input gefüttert (z. B. Wäsche- und Parfümwerbung, auch der unsägliche Waffenschein-Minirock wird nicht ausgelassen), die vorhersehbaren Mechanismen in Gang gesetzt werden. Theo weiß nach seinen Jahren im Maßregelvollzug über diese Funktionsweisen Bescheid, will aber nicht dagegen handeln. Zynisch ist es sowieso, aber es wirkt beinahe bösartig, wenn es das ist, was mit dem „freien Willen“ im Titel gemeint ist: noch ein paar Mal vergewaltigen, solange man eben Lust und Gelegenheit hat, danach selbst den Schlusspunkt setzen. So gesteht das Drehbuch dem Vergewaltiger eine Souveränität, eine Entscheidungsfreiheit zu, die Nettie verweigert wird. Die Frau bleibt in ihrem grenzenlosen Selbsthass, der sie an Theo ebenso wie an ihren Vater bindet, gefangen. Sie kann nicht anders, als solche abweisenden Mannmonster zu lieben und durch ihre Zuwendung heilen zu wollen. Er muss schlagen, vergewaltigen, sie muss leiden, sich unterwerfen – gerade so, wie sie ohne Pause atmen müssen, ihren schweren, verzweifelten, fatalistischen Atem.
Die Fragwürdigkeiten bleiben also. Aber wäre eine restlos aufklärende und nachvollziehbare Darstellung solcher irrationaler Beschädigungen denn überhaupt machbar? Wäre sie sinnvoll? Es bleibt dabei: „Der freie Wille“ ist ein Film, der wirkt.
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