
Kim Ki-Duk
Hwal – Der Bogen
[Der alte Mann, das Meer und das Mädchen]
17.07.2006, 08:00, Text:
Calle Claus
Liebhaber asiatischer Filmkunst erinnern sich gern an Kim Ki-Duks 2000er-Meisterwerk “Die Insel”, jenes allegorische Liebesdrama im Angler-Milieu. Sechs Jahre und etliche Filmprojekte später zog es den unermüdlichen Akkord-Filmer nun wieder ans Wasser. Schauplatz von “Hwal – Der Bogen” ist ein Fischerboot. Es ankert auf offener See, nah genug am Festland, damit sein Besitzer, ein grimmiger alter Mann, täglich Angelgäste auf Deck holen kann, aber auch weit genug weg von den sündigen Verlockungen der Zivilisation, um seinen Schatz in Sicherheit zu wissen: das schöne Mädchen mit dem undurchschaubaren Lächeln, das mit ihm an Bord lebt.
“Die Insel” zeigte Männer in der Zange einer bedrohlichen Frauenfigur. In ihren schwimmenden Angelhütten waren sie Fliegen im Netz einer allmächtigen Spinne, die überall gleichzeitig sein konnte, ob über oder unter Wasser. Nun variiert Kim Ki-Duk die Versuchsanordnung. Wir erfahren, dass das schöne Mädchen im Kindesalter gekidnappt und auf das Boot gebracht wurde, wo es seitdem in seltsam stoischer Ruhe die Zeit totschlägt. Gesprochen wird mal wieder nur das Nötigste. Zur Verwandtschaft beider Filme erklärt Kim Ki-Duk im Interview: “Sie haben ähnliche Settings, aber die Storys unterscheiden sich sehr. Beide behandeln das Thema der kompromisslosen, leidenschaftlichen Liebe, aber die Motivationen der Figuren sind ziemlich verschieden. In ‘Die Insel’ werden Männer von einer Frau beherrscht und manipuliert, in ‘Hwal’ ist es genau umgekehrt.”
Bald wird die Bootsnymphe volljährig sein, dann soll geheiratet werden. Die Tage bis dahin streicht der Alte jeden Morgen auf dem Wandkalender ab. Als er gegen Ende des Films seine Zeit knapp werden fühlt, auch mal zwei oder drei auf einen Streich. Er spielt Gott, und dazu passt auch sein “Nebenjob” als Wahrsager, bei dem das Mädchen als Medium fungiert. Sie sitzt auf einer Schaukel am Bootsrand vor einem großen Buddha-Portrait, und er beschießt sie mit Pfeilen, die sie nur knapp verfehlen. Danach flüstert sie ihm die Weissagung ins Ohr. Ist “Hwal” ein religiös gefärbter Film? “Die Leute glauben inbrünstig an bestimmte religiöse Bilder. Für mich sind sie nur Symbole. Das einstudierte Ritual des Orakels, das der alte Mann und das Mädchen vorführen, ist vielleicht nur ein Fake. Die Leute glauben aber daran, weil sie von dem spektakulären Anblick beeindruckt sind.”
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