Pier Paolo Pasolini

Der Stiefel-Chronist

17.07.2006, 08:00, Text: Martin Büsser, Martin Büsser

Ob es nun allen Italienern passt oder nicht: Niemand hat das Land, in dem die Zitronen blühen, so facettenreich und voller Hingabe porträtiert wie Pier Paolo Pasolini in seinen Büchern und Filmen. Selbst der Vatikan ging vor Pasolinis Verfilmung der Matthäus-Passion (1964) in die Knie und dürfte sich insgeheim geärgert haben, dass ausgerechnet einem schwulen Kommunisten die intensivste Auseinandersetzung mit dem Leben Christi gelungen war. Was selbst Atheisten an Pasolinis Bibel-Verfilmung (bereits als Arthaus-DVD erschienen) begeistern wird, sind der konsequente Einsatz von Laienschauspielern und die Kulisse der kargen süditalienischen Landschaft. Alleine dadurch ist der Bibel-Stoff zu einem Plädoyer für die Armen und Entrechteten geworden, denen Pasolini bereits in seinem zweiten Spielfilm “Mamma Roma” (1962) ein Denkmal gesetzt hatte. Neben Hauptdarstellerin Anna Magnani (“Rom, offene Stadt”) ist der Film über eine Prostituierte, die versucht, wieder ins bürgerliche Leben zurückzufinden, ebenfalls fast ausschließlich mit Laienschauspielern besetzt worden.


Wesentlich stilisierter und zugleich bildgewaltiger ging Pasolini beim Verfilmen antiker Stoffe vor. Für “Medea” (1969, bei Arthaus in restaurierter Bildfassung als Doppel-DVD erschienen) engagierte er die berühmte Opernsängerin Maria Callas – allerdings nicht, um sie singen zu lassen, im Gegenteil, über weite Strecken kommt der Film ganz ohne Dialoge aus.

Antike Mythen, die Geschichte des Christentums und die soziale Realität im Italien der Nachkriegszeit bildeten für Pasolini lediglich verschiedene Ansatzpunkte, sich mit dem eigenen Land und dessen Geschichte auseinander zu setzen. “Wir müssen den Traditionalisten das Monopol an der Tradition entreißen”, bekannte Pasolini, “denn: Nur die Marxisten lieben die Vergangenheit, die Bourgeoisie liebt nichts und niemanden.” In “Saló oder die 120 Tage von Sodom” (1975) ist von dieser Liebe allerdings nichts mehr zu spüren. Der Faschismus hat sie vereitelt und wird zur negativen Projektionsfläche dessen, was Pasolini sein Leben lang gefordert hatte – Geschichtsschreibung als Kampf für eine Zukunft ohne Macht und Unterdrückung.



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