Lucy / Henner Winckler

Das Schreckliche, das nicht passiert

19.06.2006, 08:00, Text: Sonja Eismann

Henner Winckler gilt als einer der Regisseure der neuen “Berliner Schule”, oder der “nouvelle (nouvelle) vague allemande”, wie in Frankreich bereits Wellen-begeistert geschlagzeilt wurde. Ohne Manifest, ohne Verlautbarungen oder Mitgliedschaften teilen diese FilmemacherInnen eine Vorliebe für ein fast dokumentarisches Betrachten bewusst unspektakulärer Lebensumstände, die in krassem Gegensatz zur Spektakelwut der mainstreamigen Produktionen stehen. Lange Einstellungen, kristallklare Bilder deutscher Alltagstristesse und eine möglichst echt gesprochene Sprache, die völlig frei ist von der peinlichen Gemachtheit schauerlich bedeutungsintensiver Filmdialoge, zeichnen die Filme von Christian Petzold, Angela Schanelec und Thomas Arslan, die – so weit ist die Kanonisierung schon gediehen – mittlerweile als erste Generation der Berliner Schule gelten, ebenso aus wie jene des Nachwuchses, also Christoph Hochhäusler, Ulli Köhler, Maren Ade, Benjamin Heisenberg, Valeska Grisebach und Sören Voigt. Zur so genannten zweiten Generation gehört auch Henner Winckler, der jetzt mit “Lucy” an seinen Pubertätsfilm “Klassenfahrt”, sein Debüt vor vier Jahren, anschließt.


Über “Lucy” stöhnte eine Autorin vom Zeitzünder, des jugendlichen Ablegers der Zeit, er habe “gefühlte 80 Stunden” gedauert, da nichts habe passieren wollen, während das Mutterschiff Zeit hingegen wohlwollend und halbpatriotisch von einem “Aufbruch”, einer “neue(n) Präzision im deutschen Kino” schwärmt. Doch genau diese Verweigerung sowohl des wohligen Wir-Gefühls als auch des schnellen Paukenschlags ist es, die die Qualität von Filmen wie “Falscher Bekenner”, “Der Wald vor lauter Bäumen”, “Mein Stern” oder eben “Lucy” ausmacht.

Lucy kreist in ruhigen, unaufgeregten Bildern um das Leben von Maggy, einer jungen Frau, eigentlich noch ein Teenager, die ein Baby bekommen hat und bei ihrer ebenfalls sehr jungen Mutter lebt. Zu diesem nur wenige Monate alten Kind, von dessen noch zur Schule gehenden Vater sich Maggy getrennt hat, kann sie keine rechte Beziehung aufbauen. “Ich wollte eine Person zeigen, die ihr Kind liebt, aber nicht auf eine ‘mütterliche’ Art, sondern eher wie etwas Fremdes, von dem sie sich immer sagen muss, das es ihr Kind ist. In dem Film geht es aber eigentlich vor allem um den Versuch einer Beziehung. Mich hat interessiert, wie das ablaufen könnte, wie sich das Verhalten verändert, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden und so weiter. Aber allein durch das Alter von Maggy erwartet jeder von vornherein, dass es nicht gut gehen wird, und das erzeugt schon eine gewisse Spannung, die dann aber nicht im klassischen Sinne aufgelöst wird”, erklärt Henner Winckler.

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