Working Man’s Death

A/D 2005

[R: Michael Glawogger; K: Wolfgang Thaler; M: John Zorn; 27.04.]

24.04.2006, 17:40, Text: Martin Riemann, Martin Riemann

Michael Glawogger gehört zu den wenigen Dokumentarfilmern, die in Bildern denken. Und nicht zu denen, die Bilder nur benutzen, um Worte zu illustrieren. Das hat der Österreicher bereits mit dem spektakulären “Megacities” bewiesen, in dem es ihm auf eine strenge, artifizielle Weise gelang, der Wirklichkeit verschiedener Metropolen ein eigenes Gesicht zu verleihen.

In “Working Man’s Death” widmet er sich einem Thema, das als Begriff leicht zu fassen ist, in seiner Darstellbarkeit aber schnell Gefahr läuft, ominös zu werden: der Arbeit. “Schwere körperliche Arbeit ist sichtbar, erklärbar, darstellbar.

Daher denke ich oft: Sie ist die einzig wirkliche Arbeit.” So erklärt Glawogger den Ansatz zu seinem neuen Film, und getreu diesem Motto hat er sich auf der Welt nach “Arbeitsplätzen” umgesehen, die diese Bedingungen bis aufs Äußerste gewährleisten.

Die Reise beginnt in der Ukraine, wo Menschen, nur mit Hammer und Meißel ausgestattet, in stillgelegten Kohlengruben herumkriechen, um ein paar Tonnen Brennmaterial zu gewinnen. Glawogger konterkariert diese tristen Zeugnisse eines verzweifelten Überlebenskampfes mit seltenem Archivmaterial, das veranschaulicht, dass in diesen Flözen vor vielen Jahren so genannte “Helden der Arbeit” ackerten, von der Sowjetregierung zu lebenden Mythen hochstilisierte Superarbeiter, die die Gruben unter frenetischem Jubel der Menge verließen. Doch Arbeiter sind dort schon lange keine Helden mehr.

Die Schwefelarbeiter in Indonesien, zu denen uns der Film als Nächstes führt, sind allenfalls Touristenattraktionen, während sie ihre über 100 Kilo schweren Körbe voller Schwefel über lange Strecken steiler Berghänge schleppen. Glawogger zeigt diese “Tour de Force” mit einem faszinierenden Gespür für den Rhythmus dieser Schlepperei und unterstützt mit behutsam “inszenierten” Dialogszenen eine gewisse Nähe zu den Trägern.

Vom beruhigenden Rhythmus Indonesiens gelangt man in die Sinnen betäubende Szenerie eines nigerianischen Schlachthofs, wo unter freiem Himmel Dutzende von Ziegen und Kühen geschlachtet und über Gummireifenfeuern geröstet werden. Dieses Schlachtfeld präsentiert Glawogger meisterlich als einen Sog verschiedener Arbeitsprozesse, die in unnachvollziehbarer Hektik ineinander übergreifen und hauptsächlich den Transport und das Töten als einen ewigen Kreislauf schildern.

Gegen die Betriebsamkeit des afrikanischen Schauplatzes setzt Glawogger dann auch gekonnt die fast in der Zeit erstarrte Szenerie eines pakistanischen Schrottplatzes am Meer, auf dem riesige Tankschiffe mit Schweißgeräten und bloßen Händen auseinander gebaut werden. Hier wird das Bild des Arbeiters als das eines gestrandeten, von unserer Welt abgeschnittenen Individuums am deutlichsten hervorgehoben.

Glawogger schließt seine erstaunlichen Zustandsbeschreibungen mit chinesischen Stahlarbeitern ab, deren optimistischen Zukunftsperspektiven nach dem Gesehenen leider seltsam deplatziert wirken. In China scheint die Position des Arbeiters in der Gesellschaft noch gefestigt, aber auch hier wird der menschliche Körper seinen Produktionswert und -willen mehr und mehr verlieren.



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aus Intro #138 (Mai 2006)
 
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