Der Tintenfisch Und Der Wal

USA 2005

[R: Noah Baumbach; D: Jeff Daniels, Laura Linney, William Baldwin; 11.05.]

24.04.2006, 17:38, Text: Sonja Eismann, Sonja Eismann

Der Tintenfisch Und Der Wal” ist einer von den Filmen, die einem nichts ersparen. Jedes noch so unangenehme Detail wird schmerzhaft ausgewalzt, jede peinliche Situation bis zum Grund ausgeschöpft. Am liebsten möchte man oft die Augen hinter den Fingern verstecken und sich hinterher erzählen lassen, was wieder Furchtbares passiert ist. Dabei wird hier nur die ganz normale Agonie einer intellektuellen Familie im Brooklyn von 1986 ausgeweidet, die von der Trennung der Eltern über das Ausbreiten deren Intimlebens bis zu den ersten sexuellen Vorstößen der beiden Teenager-Söhne nichts auslässt.

Und während man sich im Kinosessel mit verknoteten Fingern windet und zwischen hysterischen Lachern und entsetztem Aufstöhnen wankt, spürt man: Das ist eine Art therapeutischer Schmerz, der ausmistet.

Bernard Berkman, ein in letzter Zeit nicht mehr sonderlich erfolgreicher Autor, der sich als College-Dozent verdingen muss, ist der bärtig-virile Patriarch einer vierköpfigen Familie. Er verkörpert das Parademodell eines selbstgerechten “Pricks”, neben dessen erdrückender, sich selbst nie in Frage stellender Männlichkeit niemand bestehen darf. Der ältere Sohn Walt beugt sich dieser väterlichen Übermacht, indem er den Dad bedingungslos bewundert, der jüngere (Frank) stilisiert sich zur Abgrenzung als sportvernarrten “Philister”, die Mutter Joan flüchtet in Affären mit “unintellektuellen Typen”. Bernard bezeichnet Walt gegenüber Kafka als einen seiner Vorgänger und rät ihm, sich nicht so sehr an seine erste Freundin zu binden, sondern lieber noch ein bisschen “das Feld zu beackern”. Die maßlosen Äußerungen und die entsetzliche Eitelkeit des kompetitiven Silberbarts, der sich sogar nicht entblödet, unbedingt gegen seinen kleinen Sohn im Tischtennis gewinnen zu wollen, haben so verheerende Auswirkungen auf seine Umwelt, dass man deren psychisches Zusammenklappen förmlich spürt. Als Joan als Schriftstellerin auch noch erfolgreicher ist als ihr Ex-Mann, zeigt sich die Brüchigkeit von Bernards selbstüberzeugter Fassade. Doch Mitleid kann sich nun niemand mehr so recht für ihn abringen.

Auch die drei anderen Hauptcharaktere sind voller “Schwächen” – Joan hat ihren Mann jahrelang ostentativ betrogen, Walt gibt seiner Umwelt und besonders seiner Freundin Wendy das Gefühl, er fühle sich als Künstlertype über sie erhaben, um dann selbst doch nur einen Pink-Floyd-Song als eigene Komposition auszuweisen, und der kleine Frank wichst heimlich in der Schule und schmiert sein Sperma in die Bibliothek. Genau diese eigentlich unsympathischen bis grotesken Züge lassen diesen Film so stechend unter die Haut fahren. Man merkt “The Squid And The Whale” an, dass Wes Anderson als Produzent tätig war. Doch wo man vor dessen Lakonik als Selbstzweck immer etwas ratlos und frustriert stand, geben die absurden, durch ihre schockierende Offenheit peinlichen Situationen Baumbachs Film den letzten Schliff: als so trauriges wie witziges und vor allem berührendes Familienporträt.



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