Russische Filmklassiker

mit Martin Büsser

24.04.2006, 08:00, Text: Martin Büsser, Martin Büsser

Die Eingangsszene zeigt eine Plattenbausiedlung, aus dem Off ertönt eigenartige russische New-Wave-Musik. Liebe Jelena Sergejewna (Eldar Rjasanow, 1988) ist sicher einer der bemerkenswertesten Filme in der DVD-Reihe “Russische Filmklassiker” von Icestorm. Ungemein trist und hart und trotz einer gewissen Didaktik nicht wirklich als Propagandafilm geeignet. Eine Gruppe von Schülern besucht die in einem der Hochhäuser lebende Lehrerin Jelena Sergejewna, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren. So viel Anteilnahme ist die allein stehende Frau nicht gewohnt. Zu Recht nicht, denn die Schüler haben einen ganz bestimmten Grund für ihren Besuch: Die Lehrerin soll ihnen Zugang zum Tresor der Schule verschaffen, damit sie ihre Klassenarbeiten austauschen können.

Eine zermürbende Nacht der psychologischen Folter beginnt, fast ausschließlich in dem engen Appartement gedreht.

Rjasanows Teenager-Drama lässt zwei Welten aufeinander prallen: Die von der Lehrerin geforderte Pflichterfüllung und Ehrlichkeit wirkt in dem 1988 gedrehten Film schon nicht mehr glaubhaft, “No Future” schwingt hier überall mit und meint in diesem Fall das sowjetische System. Auch in seinem Film Die Garage (1979) beschränkt sich Rjasanow auf wenige Innenaufnahmen, ein zoologisches Museum voller ausgestopfter Tiere, deren Leblosigkeit durchaus symbolisch gelesen werden kann. Der Film über eine Garagengenossenschaft, die ihre hierarchische Struktur nur schwer verbergen kann, ist von der sowjetischen Filmbehörde lange Zeit mit einem Exportverbot belegt worden.

Eldar Rjasanow gehört mit seinem strengen, fast theaterhaften Stil, der an Filmklassiker wie “Die 12 Geschworenen” erinnert, zu den großen Entdeckungen der Icestorm-Reihe russischer Filmklassiker, die Werke aus den DEFA-Archiven wieder zugänglich macht. Einziger Wermutstropfen: Die Filme enthalten zwar oft hilfreiches Bonusmaterial, in der Regel Kommentare von Filmwissenschaftlern, sind aber fast durchweg synchronisiert. Leider wirkt auch die Bildqualität oft historischer als die Filme selbst. Einzig bei den Stummfilmen von Sergej Eisenstein fällt das Fehlen der russischen Tonspur natürlich nicht ins Gewicht. Neben den agitatorischen Frühwerken Panzerkreuzer Potemkin (1925) und Oktober (1927) sind bei Icestorm auch die Epen Alexander Newski (1938) und Iwan Der Schreckliche I & II (1945 & 1946) erschienen. Eisensteins Entwicklung ist geradezu typisch für den Verlauf der russischen Revolution: Nachdem seine Filme aus den 1920ern, eine Mischung aus Propaganda und Avantgarde, emphatisch aufgenommen wurden, hatte er mit dem zweiten Teil von “Iwan Der Schreckliche” mit der Zensur zu kämpfen. Der despotische Zar wurde in dem Film mit Musik von Sergej Prokofjew wohl etwas zu “schrecklich” dargestellt: Zwar fügte sich die Darstellung des tyrannischen Herrschers in die revolutionäre Propaganda, die Behörden befürchteten allerdings, das Publikum könne Parallelen zu Stalin ziehen.

Herz- und Kernstück der Icestorm-Reihe sind die zeitlos magischen Filme von Andrej Tarkowskij. In der Reihe erschienen Iwans Kindheit (1962), Andrej Rubljow (1966), Solaris (1972), Der Spiegel (1975) und Stalker (1979). Bis auf das Spätwerk (“Nostalghia” und “Opfer”) liegen damit alle Tarkowskij-Filme als deutsche DVDs vor, doch gerade im Falle dieser suggestiv gedrehten Filme ist nicht nur die Synchronisation störend – die Bildqualität von “Stalker” spottet jeder Beschreibung, wechselt unentwegt zwischen Hell und Dunkel. Harte Tarkowskij-Fans haben sich daher längst die britischen DVD-Fassungen mit O-Ton und restauriertem Bild besorgt, doch immerhin spricht das Bonusmaterial für Icestorm: filmwissenschaftliche Kommentare, die sich im Fall des philosophisch hintersinnigen Regisseurs, dessen Werk voller Anspielungen auf russische Geschichte und Kultur ist, sehr erhellend ausnehmen.

Schon Tarkowskijs Frühwerk “Iwans Kindheit” über einen 12-jährigen Jungen, der als Späher für die Rote Armee arbeitet, ist formal ein Meisterwerk. Die Traumsequenzen zu Beginn des Films, die eine glückliche Kindheit zeigen, werden jäh von einer Kriegshandlung zerstört: Die in dem Film gezeigte Realität ist in durchweg erdrückendem Schwarz-Weiß gedreht, das keinen einzigen Moment von Glück mehr zulässt.

Der Zweite Weltkrieg ist allemal über Jahrzehnte hinweg das Top-Thema des sowjetischen Kinos gewesen. Die Verarbeitung des Traumas eignete sich wie kein anderes Sujet, zugleich auch die eigene antifaschistische Haltung und eine gehörige Portion Heimatliebe zu verarbeiten. Mit Ein Menschenschicksal (Sergej Bondartschuk, 1959), Die Kraniche Ziehen (Michail Kalatosow, 1957), Im Morgengrauen Ist Es Noch Still (Stanislaw Rostozki, 1972) und Geh Und Sieh (Elem Klimow, 1985) hat Icestorm gleich vier (Anti-) Kriegsfilme veröffentlicht, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. “Im Morgengrauen Ist Es Noch Still” ruft ins Gedächtnis, dass zahlreiche Frauen in der Roten Armee gekämpft haben, denen der Film ein Denkmal setzen will. Obwohl das 179-minütige Epos tatsächlich mit Geschlechterklischees aufräumt, bleibt seine Botschaft ähnlich strittig wie die Behauptung, Frauen bei der Bundeswehr seien ein Zeichen für gelungene Emanzipation. Zu den eigentlichen Entdeckungen der Reihe gehört dagegen “Geh Und Sieh”, der thematisch an Tarkowskijs Erstling anknüpft: Der Zweite Weltkrieg wird aus der Sicht eines 14-jährigen Jungen geschildert, der miterleben muss, wie die Deutschen sein ganzes Dorf ausrotten. In schmerzhaft langen Einstellungen zwingt der Film, was der Titel vorgibt, nämlich hinzusehen, mit welcher Brutalität die Deutschen in Russland gegen die Bevölkerung vorgegangen sind. Mit seinen alptraumartigen Sequenzen und einem Hang zum düsteren Symbolismus ist “Geh Und Sieh” alles andere als ein Heldenepos auf die Rote Armee, sondern ein Abgesang auf den Krieg schlechthin. Im Laufe des zweistündigen Films scheint das Gesicht des Jungen um zehn Jahre zu altern. Völlig gebrochen und zerfurcht schießt er am Ende unentwegt auf ein Hitler-Portrait, das die Deutschen hinterlassen haben. Sein symbolischer Versuch, Hitler zu töten – während der Szene ist eine Collage aus Wochenschau-Aufnahmen zu sehen –, endet damit, dass er am Ende einem Foto von Hitler als Kind gegenübersteht, auf das er, der selbst binnen Wochen seine Kindheit verloren hat, dann doch nicht schießen kann. Klimows Film verdient das Prädikat Klassiker, rührige Streifen wie Das Zigeunerlager Zieht In Den Himmel (Emil Lotjanu, 1976) oder Ein Regenschirm Für Verliebte (Rodion Nachaptow, 1986) wirken demgegenüber je nach Stimmung nur noch fahl, sentimental oder wohltuend entspannend



Artikel kommentieren
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Martin Büsser, Martin Büsser
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 

DVD-EMPFEHLUNGEN

Das neue Fernsehen - Neu auf DVD & Blu-ray

Das neue Fernsehen

Neu auf DVD & Blu-ray
... mehr



 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]

 
DIE FILMSTARTS DER WOCHE
Drive - Und weitere Filmstarts und Trailer der Woche

Drive

Und weitere Filmstarts und Trailer der Woche
... mehr

 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]