As Tears Go By (HK 1988)

Days Of Being Wild (HK 1990)

[R: Wong Kar-Wai; D: Maggie Cheung, Leslie Cheung, Andy Lau, Tony Leung; Alamode / Al!ve]

24.04.2006, 08:00, Text: Uwe Buschmann

Wong Kar-Wai hat mal gesagt, er habe bei “Happy Together” warten müssen, bis die Stadt Buenos Aires ihm und seinen beiden Helden ihre Geschichte diktiert habe. Wer bei seinem Debüt-Film “As Tears Go By” das Diktat angab, ist weit weniger schwer zu erraten: die Filmindustrie von Hongkong, die damals einzig und allein auf den schnellen Erfolg an der Kinokasse ausgerichtet war. So überrascht es nicht, dass “As Tears Go By” eine für Wong Kar-Wais Verhältnisse geradezu straighte Story hat, die im Gangster-Milieu angesiedelt ist. Es gibt verbotene Liebe, einen unbelehrbaren Bruder und eine beträchtliche Anzahl von Bleivergiftungen.

Obwohl man dem Film anmerkt, dass er auf den Erfolgspfaden von John Woo wandeln sollte, und auch der Einfluss von Martin Scorseses “Mean Street” unübersehbar ist, hebt er sich deutlich von den üblichen Hongkong-Shooter-Movies dieser Zeit ab. Schon damals konnte man merken, dass hier jemand auf dem Regisseursstuhl saß, dessen Filme fortan ein bisschen anders ticken sollten. Für Wong-Kar-Wai-Fans war “As Tears Go By” ein vielversprechendes Debüt, eine nette Gangster-Stilübung; für Leute, die sich noch nie mit seinem sonstigen Opus anfreunden konnten, könnte es mit ihm doch noch der Beginn einer wunderbaren Filmfreundschaft werden.

Bei seinem Leinwandzweitling “Days Of Being Wild” sahen die Dinge schon ganz anders aus. Das sieht man bereits daran, dass man seine Geschichte nur schwierig nacherzählen kann. Ein junger Mann verstößt seine Geliebte, um mit einer anderen anzubandeln. Doch statt die neue Beziehung einigermaßen auf die Reihe zu kriegen, begibt er sich auf eine lange, einsame Odyssee. Eine Suche nach dem nächsten Glück, der eigenen Identität und auch der verlorenen Zeit einer Jugend, in der sich nichts wirklich festhalten ließ. Personen kommen und gehen in diesem Film, Charaktere werden manchmal nur mit einer Filmszene angerissen, und danach tauchen sie überhaupt nie wieder auf (höchstens Jahre später in anderen Kar-Wai-Filmen, siehe “2046”), was das Entwirren der Story mit Sicherheit nicht einfacher macht. Doch dafür gibt es auch Gründe, die sowohl bei dem Film selbst als auch in der Person des Regisseurs liegen. “Days Of Being Wild” war ursprünglich als Teil einer Trilogie gedacht, auf deren Fortsetzung man allerdings bis heute wartet. Außerdem war es schon damals eine Eigenart von Wong Kar-Wai, mit keinem fertigen Drehbuch am Set zu erscheinen; häufig entstehen Szenen deshalb erst am Abend vor dem Dreh. Eine stimmige Erzählweise lässt sich so nur schwer erreichen. Aber darum geht es in den Filmen von Wong Kar-Wai auch gar nicht. Die Schönheit der Bilder sucht keine billigen Effekte, sondern bezeugt ihren Respekt vor Schmerz und Tragik. “Days Of Being Wild” ist somit das eigentliche Debüt von Wong Kar-Wai. Der Anfang der schönsten, meisterlichsten Kinofilme der letzten anderthalb Jahrzehnte.



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aus Intro #138 (Mai 2006)
 
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