Idioten

DK 1998

27.03.2006, 15:44, Text: Martin Büsser, Martin Büsser

R: Lars von Trier; D: Bodil Jorgensen, Jens Albinus; Arthaus / Kinowelt

Heute spricht kaum mehr jemand von \"Dogma 95\", jenem vollmundigen Versuch europäischer Regisseure, das Autorenkino durch ein selbst auferlegtes \"Keuschheitsgelübde\" neu zu erfinden. Als \"Rettungsaktion\" hatte Lars von Trier das Manifest seinerzeit bezeichnet, beinahe selbstredend gegen Hollywood gerichtet und damit implizit gegen jenes Amerika, das von Trier in seinen jüngeren Filmen von innen heraus angreift, nachdem \"Dogma 95\" es nicht hatte stürzen können. Das Manifest strotzte vor pubertären Äußerungen, etwa der, dass die Novelle Vague nur eine \"kleine Welle\" gewesen sei, die längst versickert ist.

Gemessen an der Wirkung, die Jean-Luc Godard auf das Kino in aller Welt hatte, wirkt \"Dogma 95\" nachträglich eher wie ein Sturm im Wasserglas. Und doch ist der Stil, den das Publikum meist einfach nur als \"Film mit Wackelkamera\" charakterisierte, nicht ohne Folgen geblieben. Von \"Halbe Treppe\" (Andreas Dresen, 2002) bis \"A Hole In My Heart\" (Lukas Moodysson, 2004) lassen sich zahlreiche Filme finden, die Dogma-Elemente übernommen haben, ohne sich dabei selbst in den Kontext des Manifestes zu stellen. Die Handkamera ist fast schon Standard geworden, wenn es darum geht, ein heruntergekommenes Milieu auch als solches zu kennzeichnen. Je abgeschmackter White Trash erscheinen soll, desto verwackelter. Das Authentizitäts-Versprechen des Dogma-Manifestes (keine Requisiten, keine Filmmusik, kein künstliches Licht etc.) ist jedoch angesichts des Artefakts Film selbst eine Lüge gewesen - Schauspieler bleiben auch dann in ihrer Rolle, wenn sie keine Schminke tragen. Dies wusste niemand besser als Lars von Trier selbst, der mit \"Idioten\" den vielleicht besten, zumindest provokantesten Dogma-Film beisteuerte: Das Spiel mit Identitäten steht im Mittelpunkt des Films, der Authentizität in dem Maße destruiert, in dem er sie formal doch zugleich vorgibt. Eine Gruppe von jungen Leuten gründet eine Kommune, die sich nach außen als Gruppe von Behinderten, also \"Idioten\", ausgibt. Die Rolle erlaubt ihnen, sich über Konventionen hinwegsetzen zu können. Problematisch wird das Experiment erst in dem Moment, als ein Beteiligter die Trennung zwischen internen Codes und Spiel aufgibt und rund um die Uhr \"Idiot\" bleibt.

Dogma wollte laut Lars von Trier \"antibürgerliches\" Kino sein. Dies ist Thomas Vinterberg mit dem ersten Dogma-Film \"Das Fest\" (1998) durchaus noch gelungen: Sein Film ist eine intensive, an den Nerven zehrende Demontage der bürgerlichen Familie. Doch schon \"Idioten\" lässt sich nicht mehr so einfach deuten, denn so sehr die Gruppe dem Impuls folgt, \"Spießer\" zu schocken, entpuppt sich ihr eigenes Verhalten im Laufe des Films als ebenso zwanghaft und an Regeln gebunden. Die Komplexität macht die Stärke des Films aus, der nun als Doppel-DVD mit umfangreichem Bonusmaterial zur Dogma-Gruppe erscheint und beweist, dass nicht der Dogma-Stempel, sondern das Drehbuch über die Qualität eines Films entscheidet.



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