Die Zeit Die Bleibt

F 2005

27.03.2006, 13:45, Text: Oliver Minck, Oliver Minck

R: François Ozon; D: Melvil Poupaud, Jeanne Moreau, Valeria Bruni-Tedeschi; 20.04.

Wie der Film ausgehen wird, erfährt man schon zu Beginn: Romain wird sterben. Ein Hirntumor lässt ihm nur noch wenige Wochen Zeit. Auf eine relativ aussichtslose Chemotherapie verzichtet er lieber gleich. Nicht aus Angst vor der Enttäuschung, sondern aus Eitelkeit. Denn Romain ist vor allem eines: ein eitler Egoist. Verwöhnt von naturgegebener Schönheit und beruflichem Erfolg als Modefotograf, ist der 30-jährige Beau es gewohnt, begehrt zu werden. Ohne dabei selbst menschliche Zugeständnisse machen zu müssen oder dauerhafte Bindungen einzugehen.

Auch als Zuschauer soll man sich verlieben in Romain. Die Kamera umgarnt ihn, zeigt sein hübsches Antlitz manchmal minutenlang aus nächster Nähe im Cinemascope-Breitwand-Format. Kamerafrau Jeanne Lapoire, die auch schon drei frühere Filme François Ozons fotografiert hat (u. a. \"8 Frauen\"), ikonisiert Romain wie einen Rockstar. Wie einen Jim Morrison, den man bewundert, trotz oder gerade wegen seiner menschlichen Unzulänglichkeiten. Wie einen Engel, der fallen wird.

Romain zieht es vor, seinen Freunden und Verwandten nichts zu erzählen von seinem bevorstehenden Tod. Stattdessen stößt er die Menschen vor den Kopf mit einer kalten, grausamen Ehrlichkeit. Der Lover wird abserviert und vor die Tür gesetzt, die Schwester ob ihres in seinen Augen biederen Familienglücks verbal zugrunde gerichtet.

Lediglich seiner Oma Laura (gespielt von der französischen Leinwand-Legende Jeanne Moreau) vertraut er sich an. In ihr sieht er eine Geistesverwandte: weil sie ein ähnlich eitler Mensch ist; und weil sie so alt ist, dass sie ebenfalls in naher Zukunft sterben wird. Wie sehr Romain auf sein eigenes Ego fixiert ist, versinnbildlichen seine regelmäßig einsetzenden Halluzinationen, in denen er sich selbst als kleinen Jungen sieht: Romain schaut in den Spiegel und betrachtet das knopfaugige, unschuldige Antlitz seines jüngeren Selbst. Ein Bild, das reichlich manieriert daherkommen mag, Romains Sehnsucht nach Reinheit und Unversehrtheit aber recht treffend auf den Punkt bringt. Deutet man diese Spiegelung im Sinne der zeitgenössischen Psychoanalyse, so könnte man vermuten, dass Ozon hier bewusst auf die Homosexualität seines Helden anspielen möchte. Tiefenpsychologisch wird schwule Sexualität ja gerne primär definiert als Spiegelung der eigenen Person im gleichgeschlechtlichen Partner. Folgt man diesem zweifelsohne klischeehaften Deutungsmuster, so bestätigt Ozon das Stereotyp: Homosexualität und Selbstverliebtheit passen gut zueinander. Ozon jedoch treibt Romains Eitelkeit so weit auf die Spitze, dass er ihn sogar die Grenzen, die seine Homosexualität ihm eigentlich setzt, überwinden lässt. Denn was lässt das eigene Ego weit über den Tod hinaus besser überdauern als ein Kind? Zwar versteht es Ozon, Romains \"Samenspende\" als zärtlichen und selbstlosen Akt der Liebe zu inszenieren, seine Motive bleiben aber im Kern egoistisch. Der Eindruck bleibt: Romain lebt und stirbt nur für sich selbst, nicht für die anderen.



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