Der Tiger Und Der Schnee

I 2005

27.03.2006, 13:43, Text: arno raffeiner, arno raffeiner

R: Roberto Benigni; D: Roberto Benigni, Nicoletta Braschi, Jean Reno; 30.03.

Es ist jeden Tag dasselbe: Attilio kann im Gewirr der römischen Straßen sein Auto nicht finden, und natürlich hat er schon wieder versehentlich mit irgendeinem Unbekannten seine Jacke vertauscht. So verwirrt der Lyriker und Universitätsdozent durch sein Leben stolpert, so bedingungslos ist er in jene Überfrau vernarrt, die ihn Nacht für Nacht in seinen Träumen mit einer Märchenhochzeit beglückt - und der er in Rom tatsächlich immer wieder zufällig in die Arme läuft. \"Der Tiger Und Der Schnee\" von Roberto Benigni ist eine poetische, dabei geradezu fanatische Liebeserklärung.

Doch Vittoria, die Angebetete und nebenbei Benignis Ehefrau und Produzentin des Films, Nicoletta Braschi, will erst auf ewig mit Attilio zusammengehen, wenn sie in Rom einen Tiger durch den Schnee stolzieren sieht. So unwahrscheinlich und hoffnungslos Attilios Träume also scheinen, im märchenhaften Setting der Liebesgeschichte dürfen sie wahr werden. Eine große, lebensbedrohende Krise - Vittoria wird bei Recherchen für die Biografie eines irakischen Dichters (Jean Reno) in Bagdad schwer verwundet - führt die beiden letztendlich zum guten Leben.

Dasselbe Prinzip der Gegensätze funktioniert allerdings nicht unbedingt für den realen Hintergrund, vor dem Benigni Idylle und Katastrophe ansiedelt. Indem er die Handlung auf den Beginn des Irak-Krieges im Frühling 2003 verlegt und auch noch direkt nach Bagdad verpflanzt, versucht Benigni eine politische Aufladung seiner Liebesgeschichte, die diese nicht zu tragen imstande ist. Bagdad und der Krieg werden zur bloßen Kulisse. Ein kleiner Raketeneinschlag hier, Plünderungen und nervös patroullierende US-Soldaten da, mittendrin ein verwahrlostes Krankenhaus ohne Medikamente, das langsam zum Sammelsurium für Attilios kuriose Funde wird. Der Schmerz und die Sorge des am Krankenbett seiner Geliebten völlig entrückt wirkenden Poeten taugen nicht als Stellvertreter für das Leid der vielen Betroffenen im Irak. Attilio bleibt ein Fremdkörper, der mit dem Egoismus des Liebenden alles scheinbar Unmögliche viel eher durch die Macht und Reichweite seines Mobiltelefons und seiner Kontakte als durch die Kraft seiner Gefühle erreicht.

In der Holocaust-Tragikomödie \"Das Leben Ist Schön\" war die nervöse Komik Benignis nicht nur ein überraschendes Erzählmittel, sondern eigentlich die Grundbedingung für die filmische Vermittlung des Unfassbaren. Diesmal aber sollen umgekehrt historische Ereignisse das Vehikel für eine Liebeserklärung via Film abgeben und wirken letztlich nur mehr als Ornament. Attilios rastloses Geplapper und Gezappel ist ein anrührender Ausdruck seiner persönlichen Verzweiflung und Verlustangst, doch mehr als diesen privaten Schmerz vermag er damit nicht einzufangen. Sicher, Benigni wollte einen schönen, ergreifenden Film machen, und das ist ihm zweifellos gelungen. Viele beseelt aus den Kinos wankende Familien werden es ihm danken.



Artikel kommentieren
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 

DVD-EMPFEHLUNGEN

Das neue Fernsehen - Neu auf DVD & Blu-ray

Das neue Fernsehen

Neu auf DVD & Blu-ray
... mehr



 
Anzeige
 
DIE FILMSTARTS DER WOCHE
Drive - Und weitere Filmstarts und Trailer der Woche

Drive

Und weitere Filmstarts und Trailer der Woche
... mehr

 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]