
Good Night, And Good Luck
Die Gegenwart der Vergangenheit
27.03.2006, 13:25, Text:
Sascha Seiler,
Sascha Seiler
George Clooney ist in kürzester Zeit zum guten Gewissen Hollywoods geworden. Der Aufstieg vom Playboy zum Gutmenschen, ein Thema, das in den letzten Wochen dank seiner Berlinale-Stippvisite vor allem den deutschen Blätterwald beherrschte, wird dieser Tage von zwei Filmen unterstrichen. Durch seinen Triumph als bester Nebendarsteller für den einen, \"Syriana\", sowie die Nominierung zum besten Regisseur für den anderen, \"Good Night, And Good Luck\", wird dieser Erfolg noch gekrönt. Bald werden die Debatten darüber folgen, wie viel von Clooneys öffentlicher Person denn nun Inszenierung und Hollywood-Werbekampagne für beide Filme ist - spätestens dann, wenn mal wieder eine seichte Liebeskomödie ansteht.
Dabei ist \"Good Night, And Good Luck\" dreierlei: ein Schauspielerfilm, ein ästhetizistisches Kunstwerk und eine bedrückende politische Allegorie auf die Bush-Regierung und das allmähliche Verschwinden der Meinungsfreiheit. Letzteres steht eindeutig im Mittelpunkt des Films, doch sollte man die Leistung der beeindruckenden Schauspielerriege nicht außer Acht lassen. Die Darstellung von David Strathairn, der den Fernsehmoderator Edward R. Murrow spielt und sich kaum noch von der historischen Figur unterscheiden lässt, ist bereits hinreichend gewürdigt worden. Der bislang wenig bekannte Darsteller wäre bei weniger prominenter Konkurrenz am 5. März sicherlich mit einer goldenen Statue nach Hause gegangen. Doch es ist Ray Wises subtile, schmerzhafte Interpretation des Nachrichtensprechers Don Hollenbeck, die das berührendste, schmerzerfüllteste Element des Films darstellt. Wise, bekannt als Leland Palmer, der Mörder/Vater aus David Lynchs \"Twin Peaks\", tingelt seit Jahrzehnten als B-Schauspieler durch Hollywood und bringt unter Clooney die Leistung seines Lebens. Und es ist die von Wise kongenial dargestellte Verzweiflung in den Augen des zwischen die Mühlen des McCarthyism geratenen Hollenbeck, das Sich-Verstecken hinter einer öffentlichen Maske und das langsame Bröckeln derselben, die den Ton dieses Films bestimmen - und nicht die heroische Gleichgültigkeit von Strathairns Murrow oder Clooneys Fred Friendly.
Ein weiteres Element der Beklemmung ist der enge Schauplatz. Wie ein Theaterstück inszeniert Clooney sein Kammerspiel, was bedeutet, dass es nur ein symbolisches Außen gibt, das ausschließlich medial repräsentiert ist. Das bedeutet hier: Bezugnahme auf originales Quellmaterial aus der McCarthy-Ära, Einblendungen des Senators, der öffentlichen Prozesse, teilweise gar der Fernsehsendung Murrows selbst.
Ein wichtiger Bestandteil dieses Szenarios ist konsequenterweise auch die überragende Kameraarbeit von Robert Elswitt, eigentlich ein Routinier, der von \"8 MM\" bis hin zu \"Gigli\" so ziemlich alles mitnahm, was in Hollywood möglich ist, nun aber neben \"Good Night, And Good Luck\" auch \"Syriana\" betreute. Elswitt schafft eine aufregende Metapher der Beengung und Paranoia in der Fernsehredaktion, die, unterstützt von den eindringlichen Schwarz-Weiß-Bildern, einen nostalgischen Blick auf eine in den USA gern verklärte TV-Vergangenheit wirft.
Dies erzeugt eine Aura der Isolation, aber auch des Refugiums im warmen Schoße des Senders bei gleichzeitiger Fiktionalisierung des Außen. Gerade weil die Realität eine mediale bleibt, wirkt sie irreal, fiktiv. Hier Clooney Absicht zu unterstellen wäre eine gewagte These, doch die Parallelität zur geschönten Pseudorealität oder Ikonografie des 11. September ist allzu offensichtlich. Die Zeitblase, die sich in dem bewusst in nostalgischem Schwarz-Weiß gehaltenen Fernsehstudio konstituiert, bleibt erhalten wie in der Erinnerung an die 50er-Jahre (und an die Show Murrows, hier ein überdeutliches Spiel mit medialer Fiktion und kollektiver Erinnerung), doch die Außenwelt bleibt hermetisch verschlossen, weil sie allzu real ist: unsere Gegenwart im 21. Jahrhundert sozusagen, die Allgegenwart McCarthys im Gesicht der neuen Weltordnung.
In diesem Zusammenhang sind die Verweise allgegenwärtig, ist die Kritik am neuen kulturellen Klima der USA überdeutlich. Clooney erzählt eine wahre Geschichte, doch gleichzeitig benutzt er sie, um die Gegenwart zu illustrieren, das Schwarz-Weiß wird zur Trennwand zwischen erinnerter Geschichte und kulturpolitischer Gegenwart, die nur allzu leicht durchbrochen werden könnte, so fragil wirkt sie im Zeichen allzu präsenter Gegenwart. Wenn Murrows seine traditionelle Abschiedsfloskel \"Good Night, And Good Luck\" ausspricht, ist dies auch ein ironischer Aufruf Richtung Gegenwart, Richtung apolitischer Fernsehzuschauer und treuer Anhänger neokonservativer Politik: Viel Glück auf euren Wegen.
Joseph McCarthy
Eigentlich als so genannter Junior-Senator des Staates Wisconsin eher ein politisches Leichtgewicht, setzte McCarthy in den 50er-Jahren zu einer Hetzjagd ohnegleichen an. Sein Komitee trachtete danach, jegliche \"kommunistische Umtriebe\" in den USA auszumerzen, und brachte zahlreiche unbescholtene Bürger, zu einem großen Teil Künstler, Intellektuelle und Medienleute, um Job und Ruf. Die McCarthy-Jahre gelten in den USA bis heute als Synonym für die Zerstörung der konstitutionell verankerten Meinungsfreiheit und werden gerade im Kontext der Post-9/11-Politik der Bush-Administration als warnendes Beispiel für die Entmündigung des Bürgers angeführt.
Edward R. Murrow
... war während des Zweiten Weltkriegs als Kriegsberichterstatter in London. Berühmt wurde er aufgrund seiner Reportagen über den Blitzkrieg. Vor allem im Gedächtnis geblieben sind seine Berichte über die Befreiung des KZ Buchenwald, in denen die amerikanische Öffentlichkeit schonungslose Bilder von Leichenbergen zu sehen bekam. In den Nachkriegsjahren arbeitete Murrow bei der CBS, wo er die News-Sendung \"See It Now\" moderierte, um die es in \"Good Night, And Good Luck\" geht.
Good Night, And Good Luck
USA 2005
R: George Clooney; D: David Strathairn, Robert Downey Jr., Patricia Clarkson, George Clooney, Ray Wise; 06.04.
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