Hügel Der Blutigen Augen

Re-make A Role Model

27.03.2006, 12:49, Text: Thomas Venker, Thomas Venker

Liebhaber des \"anspruchsvollen\" Horrorkinos wissen sofort, wovon die Rede ist, wenn die Wörter The, hills, have und eyes aufeinander folgen. Nämlich von einem der ganz großen Klassiker des 70er-Jahre-Horrorkinos, Wes Cravens Film über eine Großfamilie, die auf ihrem Trip zur amerikanischen Westküste eine Begegnung der unangenehmen Art mit einer Freak-Familie hat. \"The Hills Have Eyes\" sollte - obwohl selbst ein Folgeprodukt des immensen Erfolgs des morbiden, die menschlichen Urängste angehenden Gassenhauers \"Texas Chainsaw Massacre\" - nicht nur sehr erfolgreich werden und zahlreiche Adaptionen inspirieren, sondern darüber hinaus bis heute anhaltenden Kultstatus erlangen.

Sicherlich mit ein Grund, warum Craven sein Frühwerk, auf dem er eine mittlerweile drei Jahrzehnte andauernde Karriere in Horror aufgebaut hat, neu verfilmen ließ. Geholt hat er sich dafür mit dem Franzosen Alexandre Aja einen der talentiertesten Regisseure im Fantasy/Horrorsegment, der vor allem mit seinem 2003 gedrehten Film \"Haute Tension\", einem typischen Genrefilm über zwei Studenten, die auf einem abgelegenen Feriengrundstück von einem Killer heimgesucht werden, international auffiel.

Wie immer, wenn ein Klassiker neu verfilmt wird, gilt es, skeptisch zu sein. Schließlich gibt es genügend mahnende Beispiele, gerade aus Hollywood, aber man sollte auch die sentimentalen Erinnerungsfilter ausschalten und das Original abseits von Befindlichkeiten nochmals realistisch auf seine heutige Wirkung hin anschauen, um (vielleicht) zu einem anderen Urteil zu kommen. Das ist umso wichtiger, wenn zwischen Original und Remake fast drei Jahrzehnte liegen.

Passenderweise betont Alexandre Aja beim Interview gleich, dass er kein Freund von Remakes sei und sich ganz sicher weder an \"Texas Chainsaw Massacre\" noch an \"Last House On The Left\", dem anderen Klassiker von Wes Craven, versucht hätte, aber \"The Hills Have Eyes\" sei insofern ein reizvolles Projekt gewesen, da er das Original immer im Ansatz spannend, in der Ausführung aber als gescheitert empfunden habe. Gestört hat Aja, zu Recht, die eher humoreske Ausrichtung des Originals - die in der deutschen Fassung damals durch die infantil-blöde Synchronisation ins Unerträgliche gesteigert wurde. Aja sieht sich als Vertreter des klassischen Horrorkinos, der sich nicht mit Humor am Wegrand aufhält, sondern die Dinge gerne schnell und schnörkellos regelt. Ein Unterfangen, das Craven nicht gestört haben dürfte, da der Humor im Original von ihm nicht zwingend so angelegt war, sondern zu einem nicht geringen Teil aus den finanziell spärlichen Möglichkeiten jener Tage resultierte. Trotz anderer Erfolgsgeschichten in Horror war es in den 70ern nicht leicht, ein anständiges Budget aufzutreiben und so für eine adäquate Umsetzung der Tricks und Settings zu sorgen. Im Ergebnis wirkt der Film deswegen aus heutiger Sicht eher wie eine Persiflage und keineswegs Angst einflößend.

Der ausschlaggebende Grund für Aja, das Projekt anzunehmen, war allerdings die unmittelbare Beteiligung Cravens als ausführender Produzent. Der einzig markante Unterschied zum Original, den Aja angelegt hat, abseits des Weglassens jeglicher humoresken Ablenkung, ist die stärkere Betonung der atomaren Rahmengeschichte. Kommt diese in der Vorlage nur relativ am Rande als Erklärung für die Freakwerdung der Wüstenbewohner vor, so soll sie bei Aja in ihrer Nachdrücklichkeit ganz deutlich dazu dienen, dem Film einen anspruchsvolleren politisch-sozialen Unterbau zu geben - was nicht so richtig gelingen will, dafür aber ein bisschen die Vehemenz, die das Böse in Form des Alltäglichen mit sich bringt, raubt. Das Brutale in der Wirkung bei Filmen wie \"The Last House On The Left\" oder auch \"Texas Chainsaw Massacre\" war, dass potenziell jeder ein durchgedrehter Killer sein konnte, auch dein Nachbar. In \"The Hills Have Eyes\" ist dem nicht so - und dementsprechend gering ist der Angstthrill, den das Publikum von der Leinwand auf das eigene Leben übertragen kann. Und auch im Film erhöht die so vorhandene Sicherheit darüber, wer böse und wer gut ist (auch wenn sich das natürlich nicht so schwarz-weiß lesen lässt, denn Aja wäre ein schlechter Schüler seines Genres, wenn er nicht die scheinbar heile Welt der Familie dekonstruieren und zugleich auch den Freaks einen Rest an Menschlichkeit zugestehen würde), nicht gerade die Spannung. Jeder der Charaktere ist mehr oder weniger sofort klar definiert. Man kennt die Fronten und muss sich im Verlauf des Films auch nicht mehr umstellen, sondern lediglich den stringenten Verlauf des bereits Offensichtlichen verfolgen. Dieser Verlauf ist Aja aber außerordentlich gut gelungen. Sein Film verliert sich nie in Nebensächlichkeiten, glänzt mit einer klar strukturierten, linearen Erzählweise, extrem guten, filmisch an Peckinpahs \"Wild Bunch\" angelegten Bildern und direktem, überzeugenden Splatter.


Wes Craven
Am 2. August 1939 in Cleveland, Ohio geborener Filmemacher. Craven ist im Verlauf seiner 25-jährigen Filmkarriere öfter tot geschrieben worden als die Charaktere in seinen Filmen - und doch kehrte dieser Großmeister des Horrorgenres immer wieder mit einem Genre-immanenten Novelty-Schub zurück. Neben frühen Genreklassikern wie \"The Last House On The Left\" (1972) und \"The Hills Have Eyes\" (1977) sollte ihn vor allem sein zwanzigster Film, \"A Nightmare On Elm Street\" (1984), für ewig mit dem Horrorgenre verbinden. In den 90ern sorgte er mit der \"Scream\"-Trilogie für den Startschuss einer leidigen Horror-Comedy-Welle. Craven lebt und arbeitet in Los Angeles.

Interview-Roundtable / No No Yes No
Eigentlich sind Roundtable-Interviews die absolute Pest: Oft völlig verschieden ausgerichtete Journalisten stolpern während des Versuchs, ihre konträren Ansätze zu verfolgen, horizontal übereinander - und am Ende hat jeder nicht das rausgeholt, was er wollte. Der Roundtable zu \"The Hills Have Eyes\" allerdings war trotz anfänglicher Bedenken angenehm zusammengesetzt und featurete als große Überraschung u. a. ein ehemaliges Mitglied der Münchner Grunge-Noise-Band No No Yes No: Tomasso Schulze. Schulze, der in den 90ern auch für das legendäre Howl-Magazin schrieb, verfasst heute Texte für das Branchenmagazin Blickpunkt Film und einige weitere Medien wie Cinema.


Hügel Der Blutigen Augen / The Hills Have Eyes
USA/F 2005
R: Alexandre Aja; D: Aaron Stanford, Emilie de Ravin; 23.03.



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aus Intro #137 (April 2006)
 
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