
Das Leben Der Anderen / Florian Henckel von Donnersmarck
Die schönsten Seiten der DDR
27.03.2006, 12:40, Text:
Oliver Minck,
Oliver Minck
\"Das Leben Der Anderen\" ist ein großer Wurf. Ein spannender heimischer Thriller, der auf unverkrampfte Weise deutsch-deutsche Geschichte aufarbeitet, ohne sich dabei sklavisch ihrer politischen Brisanz zu unterwerfen. Exzellent besetzt bis in die Nebenrollen mit Qualitätsschauspielern, deren Gesichter weder beziehungskomödienverbraucht daherkommen noch abonniert sind auf den Neuen Deutschen Film. Fotografiert und inszeniert mit einer Souveränität, hinter der man definitiv kein Regiedebüt vermuten würde. Florian Henckel von Donnersmarck erzählt die Geschichte eines linientreuen Ostberliner Erfolgsschriftstellers, der erst in die Fänge der Stasi geraten muss, um sich der Faulheit des Systems, das ihn protegiert, bewusst zu werden.
Debütfilme deutscher Regisseure, die in den letzten Jahren für Furore gesorgt haben, fokussieren eher auf alltägliche Mikrokosmen und bedienen sich oft einer schmutzigen Bildästhetik. Dein Film wirkt dagegen fast schon episch und luxuriös.
Generell interessieren mich eher die Königsdramen als die Kitchen-Sink-Geschichten. Ich mag es, wenn man in Filmen eine Realität bauen kann, die ein bisschen schöner und flüssiger funktioniert als die wirkliche Realität. Ich bin auch eher ein Perfektionist als ein Improvisierer und stehe auf eine glanzvollere Ästhetik. Es war mir wichtig, die DDR von ihrer visuell schönsten Seite zu zeigen. Ich habe ein sehr strenges Farbkonzept durchgezogen. Mir war aufgefallen, dass auf alten DDR-Bildern viel mehr Grün- und Orange- als Blau- und Rottöne vorherrschen. Diese Tendenz habe ich bewusst verstärkt.
Die karge Kühlheit der Räume, der uniforme Dresscode der Stasi-Mitarbeiter - bisweilen wähnt man sich in einem Science-Fiction-Film.
Für Science-Fiction-Filme wird oft ein in sich komplett schlüssiger Look konzipiert. Das haben wir auch gemacht. Die uniforme sozialistische Ästhetik zeigt, welch kleine Rolle der Mensch in einem totalitären Staat spielt.
Der Film ist komplett fiktiv, greift aber doch immer wieder auf reale Elemente zurück. Zum Beispiel ist es ein anonymer Spiegel-Artikel, der die Sache so richtig ins Rollen bringt.
Es gibt keine historischen Figuren, alles hätte aber genau so geschehen können. Die Stasi funktionierte so, wie ich es zeige. Es gab Ende der 70er-Jahre tatsächlich einen ähnlichen Spiegel-Artikel, der sich u. a. auch mit der Verheimlichung der Selbstmordstatistik in der DDR beschäftigte. In dem Fall waren es aber anonyme Parteifunktionäre, die den Artikel verfasst hatten, und nicht ein Schriftsteller.
Für deine Recherchen hast du auch ausführliche Interviews mit einem Stasi-Oberst geführt.
Er leitet das \"Insiderkomitee des MfS\", eine Gruppe von ehemaligen Stasi-Angehörigen, die immer noch findet, dass alles, was damals gemacht wurde, völlig richtig war. Er war bereit, mir jede noch so detaillierte Frage zu beantworten. Im Film wird z. B. gezeigt, dass bei Verhören immer ein Tuch auf der Sitzfläche befestigt wurde, das hinterher als Geruchsprobe diente. \"Haben Sie so was wirklich gemacht?\" - so konnte ich natürlich nicht fragen. Ich musste fragen: \"Die Geruchsproben - hat das denn immer funktioniert?\" Da antwortete er: \"Ja, ja, die Hunde konnten immer alles aufspüren. Einmal hat es nicht funktioniert, da hatte eine Frau ihre Tage bekommen, und da war nur ein Tropfen Blut auf dem Tuch, und schon war der Hund völlig verwirrt.\" Er lachte darüber wie über eine lustige Erinnerung, an die er selbst seit Jahren nicht mehr gedacht hatte.
Und es war eine musikalische Assoziation, die dich auf die Idee zum Film gebracht hat?
Maxim Gorki beschreibt in seinem Buch \"Erinnerungen An Zeitgenossen\", dass Lenin gesagt habe, er könne Beethovens \"Appassionata\" nicht mehr hören, weil er sonst den Menschen liebevoll den Kopf streicheln wolle und ihnen nicht mehr so mitleidslos die Köpfe einschlagen könne, wie er es tun müsse, um die Revolution zu Ende zu bringen. Das war ein entscheidender Anstoß für mich. Generell nehme ich Musik sehr wichtig. Gabriel Yared [Oscar-prämierter Starkomponist] hat eine Philosophie, die besagt, dass Musik nur in den extrem emotionalen Szenen eingesetzt werden darf, um die Emotion noch zu verstärken. Man kann also keine emotional schwächeren Szenen durch Musik stärker machen. Yared hat auch die Reihenfolge der Songs auf dem Soundtrack zusammengestellt, und nicht das Label.
Für einen Debütanten wie dich muss \"Das Leben Der Anderen\" ein ungeheurer Kraftakt gewesen sein.
Es war sehr schwierig, weil mir wichtig war, dass der Film nicht so aussieht, als sei er limitiert, obwohl wir natürlich überall Limitierungen hatten. Also musste ich die Leute überzeugen, für viel weniger Geld zu arbeiten, als sie das normalerweise tun, aber dabei doppelt so viel zu geben. Auch als Regisseur muss man bereit sein, mit Geld, das eigentlich für anderthalb Jahre gedacht ist, vier Jahre lang auszukommen und ein mageres Leben in Kauf zu nehmen.
Insiderkomitee des MfS
\"Das Insiderkomitee ist ein Zusammenschluss ehemaliger Mitarbeiter und IM des MfS sowie interessierter Bürger mit dem Ziel, eine möglichst objektive Bewertung der Tätigkeit des Ministeriums für Staatssicherheit in der Geschichte der DDR zu erreichen\", heißt es in der Selbstdarstellung unter www.mfs-insider.de. Die Rede ist hier von einer \"einseitigen, verzerrten Betrachtung der DDR und ihrer Geschichte\". Pro und Kontra Stasi - diese Diskussion wird hier tatsächlich geführt.
Soundtrack
Der O.S.T. erscheint auf Colosseum und beinhaltet neben der von Gabriel Yared und Stéphane Moucha speziell für den Film komponierten Musik auch eine Reihe exquisiter DDR-Schlager und Popsongs, die einen großen Beitrag leisten zur authentischen Stimmung des Films, u. a. von 4PS (feat. den großen Komponisten Franz Bartzsch), Angelika Mann und Ludwig Petrowski.
Das Leben Der Anderen
D 2005
R: Florian Henckel von Donnersmarck; D: Ulrich Mühe, Sebastian Koch, Martina Gedeck; 23.03.
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