
Miranda July
Ich Und Du Und Alle, Die Wir Kennen. Tierbabys
03.03.2006, 15:39, Text:
Sonja Eismann,
Sonja Eismann
Zu Beginn von \"Me And You And Everyone We Know\" fragt der frisch und unglücklich geschiedene Richard (John Hawkes), dessen Ex-Frau gerade aus dem gemeinsamen Haus auszieht, seine beiden Söhne: \"Sehe ich normal für euch aus? Wenn ihr nicht meine Kinder wärt, würdet ihr dann denken, dieser Typ sieht okay aus?\" Dann stellt er sich im Vorgarten vor das Kinderzimmerfenster und zündet vor den Augen seiner Kinder seine Hand an. Was eigentlich Schabernack zur Lockerung der gedrückten Stimmung sein soll, verwandelt sich aufgrund des falschen Brennstoffs in eine Selbstverletzung, die die Jungs entgeistert und versteinert mitverfolgen.
Im ersten Spielfilm der Riot-Grrrl-sozialisierten Performance-Künstlerin Miranda July wimmelt es von solchen Momenten.
Miranda July selbst spielt die Videokünstlerin Christine Jesperson, die es in der etablierten Kunstwelt schaffen will und zur Finanzierung ihres Lebens \"Elder Cab\" fährt, ein Taxi für SeniorInnen. Sie verliebt sich in den Schuhverkäufer Richard, dessen Frau ihn gerade verlassen hat und dem die Gesprächsthemen mit seinen sieben und vierzehn Jahre alten Söhnen ausgehen (auffällig angenehm übrigens, wie casual und nebensächlich hier mit dem Thema \"interracial marriage\" umgegangen wird). Der ältere Sohn, Peter, wird von zwei vorwitzigen Mädchen aus seiner Schule als sexuelles Versuchskaninchen verwendet, während der babyhafte Robby eine groteske Chatroom-Flirt-Bekanntschaft macht, ohne richtig schreiben zu können.
Häufig als grandiose Tableaus gefilmt, sind die Alltagssituationen bis zum Bersten mit willkürlicher Bedeutung aufgeladen, die zwar ernst gemeint ist, sich aber auch selbst zulächelt. Als Richard mit bandagierter Hand seinem öden Verkäuferjob nachgeht, sagt er wild entschlossen, er sei \"prepared for amazing things to happen\" - und spricht damit genau jenes Sentiment aus, das July als Leitmotiv für ihren Film umsetzen wollte: den kindlichen, unerschütterlichen Glauben, dass es bald passiert, dass sich etwas ändert, dass man endlich ihn oder sie trifft. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese \"erstaunlichen Dinge\" sich doch nie materialisieren werden, schwingt als melancholisches Unterfutter immer mit.
Satire oder Ironie ist trotz der in \"Traurigkeit geerdeten Komik des Films\" kein Anliegen, das Miranda July nahe läge. \"Es ist so unglaublich schwierig, überhaupt irgendetwas zu kreieren, warum sollte man darüber dann auch noch zynisch werden? Dafür ist das Leben einfach zu kurz. Sicherlich hat gute Satire auch eine Menge Passion, aber wie meine Freunde Ihnen erklären könnten, bin ich selbst wohl ziemlich ernst und nehme die Dinge sehr hart\", erklärt die Regisseurin. Auch die Figur der Kunstkuratorin, die der ihr endlich vor ihrem Büro gegenüberstehenden Christine sagt, sie solle ihr Videotape doch bitte per Post an sie schicken, damit es nicht verloren gehe, ist nicht so sehr als Ridikulisierung der Artsy-fartsy-Galerienwelt intendiert, wie es die Presse gerne wahrnehmen wollte. Vielmehr geht es July darum, die Verletzlichkeit ihrer Charaktere in den Vordergrund zu stellen (\"Was könnte peinlicher sein als eine Künstlerin, die erfolglos ist und sich selbst überall andienen muss?\") und sie Situationen zwar auszusetzen, aber nicht auszuliefern. Besonders der Umgang mit jugendlicher Sexualität demonstriert ihr feinfühliges Geschick, die Verwundbarkeit und die Grenzen austestende Bereitschaft zur Selbstverletzung von Heranwachsenden, allesamt großartig von den jungen SchauspielerInnen verkörpert, nachzufühlen, ohne voyeuristisch oder pädagogisch zu wirken.
Die traumartige Atmosphäre des Films, die durch den Soundtrack von Michael Andrews noch intensiviert wird, spiegelt sich auch ganz physisch in den Augen der ProtagonistInnen wider, die ausnahmslos alle mit weit offenen, entrückt hellen und befremdeten Augen durch ihre Leben stolpern. \"Diese durchgängige Helläugigkeit der Charaktere war eigentlich nicht geplant, aber beim Casting ist mir diese Ähnlichkeit aufgefallen, und ich fand sie großartig. Die hatten alle etwas von Tierbabys und sahen aus, als wären sie von derselben Hand gezeichnet, was ich sehr wichtig für ein Ensemble finde. Man will ja z. B. auch nicht Bugs Bunny und Superman gemeinsam in einem Cartoon haben.\"\"Me And You And Everyone We Know\", der bereits zahlreiche Preise und hymnische Kritiken abgeräumt hat, ist von Machart und Ästhetik - die ganz durchschnittlich aussehenden und normal gekleideten DarstellerInnen wirken im Abgleich mit dem hochglanzigen Hollywood-Glamorama schon fast wie ein rebellisches Statement - strictly indie. Die Finanzierung des Projekts war unglaublich zäh, erinnert sich July, und ihre massiven Credentials als Performance-Künstlerin waren bei der Aufstellung der erforderlichen Geldsummen eher hinderlich. Ärgerlich, wenn man bedenkt, was die unfassbar produktive moderne \"Renaissance Woman\" für tolle Projekte in ihrem Backkatalog hat und auch noch weiterhin produziert, aber im Kommerzpool Film nicht verwunderlich. Denn was sollen Profit-orientierte AgentInnen von einem revolutionären Netzwerk wie Joanie4Jackie halten, bei dem Filmemacherinnen ihre eigenen Werke als stetig weiterwachsende Kettenbriefe an andere Frauen senden und das Miranda damals ins Leben gerufen hatte, um der Männerdominanz im Filmbetrieb etwas entgegenzusetzen? Auch dass sie schon vier Platten auf dem Indie-Label Kill Rock Stars veröffentlich hat, auf zahllosen Filmfestivals und Ausstellungen eingeladen war und immer wieder höchst innovative Web-Projekte wie learningtoloveyoumore.com ankurbelt, ist da herzlich egal. Uns aber nicht. \"Ich habe damals in Portland in einem sehr Mädchen-zentristischen Universum gelebt und erst später gemerkt, wie sehr Projekte wie Joanie4Jackie gebraucht wurden. Erst jetzt, wo ich mich selbst in dieser sexistischen Industrie bewege, verstehe ich so richtig, was ich damals gemacht habe und wie wichtig das für viele war.\" Don't you stop.
Soundtrack
In den Linernotes zum Film-Soundtrack von Michael Andrews, den er bis auf Appearances von Cody ChesnuTT, Spiritualized und Virginia Astley alleine komponiert und eingespielt hat, schreibt Miranda July, sie habe als Kind gedacht, für ein perfektes Bild müsse man alle Farben verwenden und erst ganz am Ende Gelb hinzufügen. Dadurch würde das Bild vollkommen. Andrews Soundtrack sei das Gelb des Filmes. Die Musik hat den Film tatsächlich so geprägt, dass man beim Hören der über V2 erhältlichen CD mit ihren sphärischen Tracks sofort wieder die Bilder des Films erinnert.
Preise
In Cannes gewann \"Me And You\" 2005 vier Preise, darunter die Goldene Kamera und den großen Kritikerpreis. In Sundance bekam sie im selben Jahr den Special Jury Prize für \"Originality of Vision\". Ansonsten überhäuften sie noch sieben weitere Festivals mit Preisen, und Roger Ebert, nach Aussagen seiner Website der bekannteste und meistgelesene Filmkritiker der Welt, veröffentlichte eine euphorische Rezension des Films. Nur vor der Rezeption in Deutschland fürchtet sich die Künstlerin ein wenig: \"Ich habe gehört, die Deutschen sollen echt hart zu knacken sein.\"
Joanie4Jackie
Nachdem Miranda July dieses Video-Kettenbrief-Projekt Mitte der 90er ins Leben gerufen hatte, hat sie es mittlerweile an eine Gruppe am Bard College in New York übergeben. Auf deren Website www.joanie4jackie.com wird das Projekt so beschrieben:
\"YOU ARE: 2 cool 2 Believe.
YOU ARE: Makin' history.
YOU ARE: The Lady Glitterati of the New Movie Uprising.
Joanie4Jackie is an alternative distribution system for women moviemakers. Every woman who sends her short film or video to Joanie4Jackie receives a Chainletter tape in the mail.\"
learningtoloveyoumore.com
Dieses Internet-Kunstprojekt basiert auf Partizipation: In unregelmäßigen Zeitabständen werden interessierten UserInnen der Website Aufgaben gestellt, deren Ergebnisse ebendort sowie in diversen Museen, Galerien, Schulen, Seniorenzentren, Radiosendungen und Filmfestivals veröffentlicht werden. Bereits gestellte Aufgaben lauten z. B.: Fotografiere mit Blitz unter dein Bett. Schreib einen Streit auf, den du kürzlich hattest. Gib dir selbst in der Vergangenheit Ratschläge. Mach ein Foto von deinen Eltern, wie sie sich küssen. Nimm einen Chor auf. Flechte jemandem die Haare.
You And Me And Everyone We Know
USA 2005
R: Miranda July; D: Miranda July, John Hawkes, Miles Thompson, Brandon Ratcliffe; 23.02.
Artikel kommentieren
Mehr Infos
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
DVD-EMPFEHLUNGEN
- » A Beginner’s Guide To Endings...
- » Night Of The Living Dead - Wi...
- » Misfits - Die erste Staffel
- » Ashes To Ashes - Byzantinisch...


