Das Wandelnde Schloss

J 2004

02.03.2006, 18:52, Text: arno raffeiner, arno raffeiner

R: Hayao Miyazaki; UFA Anime / Universum

So eine Tür müsste man haben! Eine Tür, wie Zauberer Hauro sie in seinem wandelnden Schloss eingerichtet hat und durch die er je nach Lust und Laune an die verschiedensten Orte gelangen kann. Mit einer solchen magischen Tür kann man nicht nur beschwerliche Wege einsparen und eventuell unwillkommenen Vertretern entgehen, sondern auch leichter den Gefahren entkommen, denen ein mächtiger und schöner Magier wie Hauro mit seinem gesamten Hofstaat - Calcifer, der sprechende Feuerdämon, Rübe, die springende Vogelscheuche, der kleine Markl und die uralte Hexe aus dem Niemandsland - ausgesetzt ist.

All diese Charaktere sind vielfach miteinander verstrickt und haben auch eine dunkle Seite oder sind mit Flüchen belastet. Alle bis auf Sophie, die weibliche Überfigur dieses Anime-Märchens. Die 19-jährige Sophie ist eine fleißige Hutmacherin und wird schuldlos in ein buckliges altes Weibchen verwandelt. Statt sich lange selbst zu bemitleiden, nimmt sie ihr Schicksal in die Hand und findet Hauros wandelndes Schloss. Dort arbeitet sie nicht nur als Putzfrau und Köchin, sondern entpuppt sich als die heilende Seele des gesamten Märchenlandes. Ihre Selbstlosigkeit und die Liebe, die sie gibt und gibt, befreit letztendlich nicht nur Calcifer aus seiner Gefangenschaft und schenkt dem Meister Hauro ein neues Herz, sondern macht auch den Fluch, der sie selbst belastet, rückgängig und beendet ganz nebenbei den Krieg, der droht, die ganze Welt ins Verderben zu stürzen.

Doch hier soll nicht jedes Rätsel der Geschichte aufgelöst werden, was im Sinne der multiplen Wahrheiten und Widerspruchsverschränkungen der Anime ja auch nicht möglich wäre. Dass die Märchenerzählung \"Das Wandelnde Schloss\" auch viele uns in Europa wohlbekannte Figuren und Muster in das Anime-Wunderland zaubert, liegt daran, dass Studio Ghibli mit diesem Film ein Buch der englischen Autorin Diana Wynne Jones adaptierte. Die DVD-Extras bieten unter anderem ein Interview mit Jones, die mit ihrer weißen Lockenmähne selbst wie eine distinguierte und resolute Zauberin rüberkommt und von ihrer offensichtlichen Seelenverwandtschaft mit Regisseur Hayao Miyazaki spricht. Daneben gibt es den gesamten Film noch mal in der Rohfassung der Storyboards, eine Dokumentation zu technischen Details der Animation, die sogar Technikfreaks überfordern könnte, ein weiteres Interview zur englischen Synchronfassung des Films (kleiner Tipp: Einblicke in deutsche Synchronstudios gibt es ein paar Seiten weiter) und (leider?) auch den wacklig mitgefilmten Besuch von Regisseur Hayao Miyazaki höchstpersönlich bei den kalifornischen Pixar-Studios. Es ist direkt schmerzhaft mitanzusehen, wie John A. Lasseter von Pixar den zurückhaltenden Miyazaki-san mit seiner nordamerikanischen Kumpelhaftigkeit, feistem Schulterklopfen und euphorischen Umarmungen geradezu erdrückt. Hilfe, wo ist die wandelnde Tür, durch die unser Held flüchten könnte?



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