Schande

S 1968

02.03.2006, 18:49, Text: Martin Büsser, Martin Büsser

R: Ingmar Bergman; D: Liv Ullmann, Max von Sydow; Arthaus / Kinowelt

Es ist früher Morgen, Jan erzählt seiner Frau Eva von dem Traum, den er letzte Nacht gehabt hat: Der Krieg war vorbei, und beide spielten wieder als Musiker im Orchester. Eva antwortet darauf nur: \"Willst du dich heute auch nicht rasieren?\" - \"Schande\" beginnt also wie ein typischer Bergman-Film über ein Ehepaar, das sich auseinander gelebt hat. Er ist Teil einer Trilogie, zu der auch \"Die Stunde Des Wolfs\" und \"Passion\" gehören. In allen drei Filmen spielen Liv Ullmann und Max von Sydow ein Paar, dessen Beziehung durch die äußeren Umstände einer harten Probe unterworfen wird.

Im Fall von \"Schande\" ist dies der Krieg, vor dem sich die beiden ehemaligen Musiker auf eine Insel geflüchtet haben, wo sie sich bereits seit vier Jahren mit dem Verkauf von Preiselbeeren durchs Leben schlagen. Im ersten Teil des Films wird ständig das kaputte Radio thematisiert, durch das sie völlig von der Außenwelt abgeschnitten sind. Das Unheil kommt daher schleichend in den Film, erst angedeutet durch Militärkolonnen, dann durch eine Fliegerstaffel - der Krieg hat auch die Insel erreicht. Eines Abends wird das Paar von Soldaten belagert und gezwungen, ein Interview für einen Propagandafilm zu geben. Ab dieser Stelle kippt der Film: Der anfangs ängstlich und sensibel dargestellte Jan wird zum Opportunisten, der alles daran setzt, sein Leben zu retten. Er erschießt einen Deserteur und besticht am Ende einen Bootsfahrer, um zusammen mit Eva von der Insel zu flüchten. Das Boot bleibt jedoch auf offener See inmitten von Soldatenleichen stecken.

Als Bergmans Film 1969 in die Kinos kam, wurde ihm vorgeworfen, die politischen Ereignisse von 1968 zu ignorieren und das Thema des Krieges für eines seiner zahlreichen Beziehungsdramen zu instrumentalisieren. Aus heutiger Sicht ist diese Kritik nur noch schwer nachvollziehbar, denn \"Schande\" ist Bergmans mit Abstand politischster Film, der sogar als Selbstkritik gelesen werden kann: Dadurch, dass sich der Bildungsbürger und Schöngeist Jan nicht um die politischen Ereignisse kümmert, kann er überhaupt erst zu einem kaltblütigen Mörder werden, der nur seinen Kopf retten will. Häufig ist der Film auch als Kommentar zu Schwedens opportunistischer Haltung gegenüber den Nazis interpretiert worden. Dennoch wird in \"Schande\" kein konkreter historischer Krieg behandelt, vielmehr geht es Bergman um einen zeitlosen Konflikt, der verdeutlichen soll, dass es dem Individuum unmöglich ist, sich aus der Geschichte herauszuhalten. Formal reichen die Bilder einer oft nur schwer fassbaren Bedrohung in den besten Momenten an Tarkowskijs \"Stalker\" heran. \"Schande\" lohnt also eine Wiederentdeckung auf DVD, auch wenn der Film wie so viele in der deutschen Bergman-Edition ohne nennenswertes Bonusmaterial auskommt.



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