Dumplings

HK 2004

02.03.2006, 18:44, Text: Calle Claus, Calle Claus

R: Fruit Chan; D: Bai Ling, Miriam Yeung Chin-wah, Tony Leung Ka-Fai; e-m-s

Das delikate Werk von Regisseur Fruit Chan sorgte im letzten Jahr für große Kontroversen: Bai Ling, die 2005 als Berlinale-Nackedei die Kameras auf sich lenkte, spielt die Hauptfigur Mei. Zu Beginn stolziert sie in Highheels über den Grenzübergang zwischen Hongkong und China, im Gesicht ein undurchschaubares Lächeln und in den Händen eine formschöne Frischhaltebox, in der sie geheime Zutaten für ihr Spezialgericht transportiert. Sie wohnt schon seit ewigen Zeiten ganz bescheiden in einer heruntergekommenen Mietskaserne. Die Nachbarn berichten, dass \"Tante Mei\" schon ewig hier lebt.

Ihrer Schätzung nach müsste sie so um die 60 sein. Ihren Unterhalt verdient die sexy Hexe mit der Herstellung von gefüllten Teigtaschen (\"Dumplings\"), die ihre in Gucci gewandeten Upper-Class-Kundinnen direkt bei ihr im Wohnzimmer verzehren. In der Küche ist Mei ganz in ihrem Element. Kameramann Christopher Doyle fängt die Rituale des Rührens, Schnippelns und Knetens mit so viel optischer Brillanz ein, dass jeder Herausgeber von Hochglanz-Kochbüchern jubilieren würde. Warum aber kostet es Meis neue Kundin Frau Li (Miriam Yeung) so viel Überwindung, die kostspieligen Spezialitäten zu verzehren?

Nun, Mei hat noch einen zweiten Beruf: Sie nimmt illegale Abtreibungen vor, und das wiederum zu erstaunlich günstigen Preisen. Wenn das Schmerzgeschrei der zumeist minderjährigen Patientinnen, die von ihren verschämten Müttern bei Nacht und Nebel eingeliefert werden, verklungen ist, stellt Mei die entfernten Leibesfrüchte in den Kühlschrank. Schluck. Doch alsbald hat Frau Li Ekel und Gewissensbisse überwunden, schließlich dient die makabre Mahlzeit einem höheren Ziel: der Wiederherstellung ihrer Schönheit und Jugend. Das alternde Fernseh-Sternchen will nämlich die Falten, die sich in ihrem Gesicht zu vermehren beginnen, partout nicht akzeptieren. Sie hofft, durch Meis Kochkünste ihren verlorenen Pfirsich-Teint zurückzugewinnen. Ihr wohlhabender Ehemann vernascht hinter ihrem Rücken reihenweise junge Dinger, und das soll endlich ein Ende haben. Tatsächlich wird der menschlichen Plazenta in Asien schon seit Urzeiten eine heilende und verjüngende Wirkung nachgesagt.

Es ist vor allem Doyles opulenten, oft fast über-ästhetisierten Bildern zu verdanken, dass der Film seine hypnotische Sogwirkung entwickelt und nicht zur peinlichen Geschmacklosigkeit verkommt. Ursprünglich war \"Dumplings\" in einer 30-minütigen Version Teil des Kurzfilm-Tryptichons \"Three Extremes\", zu dem auch Takeshi Miike und Park Chan Wook je einen Beitrag beisteuerten. Die gekürzte Version findet sich ebenso auf der DVD wie ein Interview mit der sexy Hauptdarstellerin, das den verlockenden Titel \"Ich esse das Kind meines untreuen Mannes\" trägt. Wohl bekomm's. By the way: Was genau tun die Schwaben eigentlich in ihre berühmten Maultaschen?



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